Integrative Zahnheilkunde

Die Behandlung der Mikrosysteme Mund und Ohr wirkt sich auf den gesamten Körper aus

Mund- und Ohrakupunktur für Ärzte und Zahnärzte

Von Bodo Wettingfeld, erschienen in: KIM, 05/2008: 70–74.


In jüngster Zeit wird das System der traditionellen Akupunktur bereichert durch die Therapie über so genannte Mikrosysteme. Von der Fußreflexzonentherapie wissen wir, dass sich der gesamte Mensch in bestimmten Arealen unseres Körpers widerspiegelt. Ähnlich wie am Fuß ist dies auch an Ohr und Mund der Fall. Daraus haben sich mit der Ohr- und Mundakupunktur hilfreiche und effektive reflektorische Therapiesysteme entwickelt.

In aller Kürze möchte ich die Ohr- und Mundakupunktur in einer vereinfachten, für mich aber seit nunmehr gut zehn Jahren praktisch bewährten Form vorstellen. Ich möchte Interesse wecken, sich intensiver mit diesen Systemen oder gar der Akupunktur als solcher zu beschäftigen.

Beziehungen der Zähne zu Arealen des Körpers

Abb. 1: Zahnschema nach Voll und Kramer (Graf 2000)
Zahnschema nach Voll und Kramer

Jedes Odonton, von Voll und Kramer als funktionelle Einheit von Zahn, Knochen, Zahnfleisch und Zahnhalteapparat beschrieben, hat eine Verbindung zu den fünf Funktionskreisen der chinesischen Medizin (Abb. 1).

Diese finden in der Mundhöhle aber noch weitere Repräsentationsbereiche (siehe Mundakupunktur von Jochen Gleditsch). Jeweils im Retromolarbereich des Ober- und Unterkiefers projizieren sie sich auf einer ganz eng umschriebenen Fläche, dem so genannten Achter- oder Neunerareal. Die Übergänge von einem Funktionskreis in den anderen sind dabei fließend.

Praxis der Mundakupunktur

Abb. 2: Palpation im Oberkiefer-Retromolarbereich
Palpation im Oberkiefer-Retromolarbereich

In jedem Repräsentationsbereich der Mundhöhle – auch als Somatotop definiert, was eine kartographische Darstellung des gesamten Organismus auf einen kleinen Teil der Körperoberfläche bedeutet – spiegelt sich der ganze Mensch wider. So ist es bereits möglich, über ein Somatotop den ganzen Menschen zu behandeln.

In der Mundhöhle untersuche ich das behandlungsrelevante Areal zunächst palpatorisch. Ich beschränke mich hier auf den Oberkieferretromolarbereich, der sich mir in meiner Erfahrung als das effektivste Therapieareal der Mundhöhle zeigt. Es verläuft von der Umschlagfalte des oberen Siebeners aus dorsokranial, bis zur hinteren oberen Begrenzung. Mit einer leicht streichenden, massierenden Bewegung palpiere ich diesen Bereich mit dem Zeigefinger, wobei ein gewisser Druck zur Gewinnung der therapeutischen Information vonnöten ist.

Diese Arbeit geschieht gemeinsam mit dem Patienten, der uns zu dem für ihn behandlungsrelevanten Bereich führt. Seine Reaktion auf die Palpation geht über ein Verziehen des Auges oder Gesichtes bis hin zu verbalen Äußerungen wie, „hier, da, ja“ (Abb. 2).

Abb. 3: Injektionstechnik im Oberkiefer-Retromolarbereich
Injektionstechnik im Oberkiefer-Retromolarbereich

Ich versuche nun, den therapeutisch relevanten Bereich mit meinem Zeigefinger zu präzisieren. So wird das zu behandelnde Areal immer umschriebener und kleiner. Ich fixiere es nun mit der Fingerkuppe des Zeigefingers. Dann dehne ich den gefundenen Punkt ein wenig unter leichtem Verschieben des Fingers. Den Zeigefinger quasi als Parallele oder Leitschiene benutzend, schiebe ich mit der anderen Hand die Injektionsnadel am Finger entlang und lasse sie sanft in die Schleimhaut gleiten (Abb. 3).

Die Injektion ist ganz oberflächlich. Sobald die Nadel die Haut durchstochen hat, gebe ich ein Minidepot an Lösung ab – ein Tröpfchen. Sie können sich dabei ein wenig selbst kontrollieren, indem Sie nur wenig Injektionslösung aufziehen – etwa 40 % des Inhalts einer Diabetikerspritze. Diese hat sich für mich als eleganteste Applikationsmethode erwiesen. Sie ist klein, liegt in der Hand wie eine Feder und kommt durch ihre dünne Nadel dem Ideal einer atraumatischen Vorgehensweise sehr nahe. Als Lösung dient ein schwachprozentiges Anästhetikum ohne Vasokonstriktor, etwa Carbostesin 0,25 %.

Nach der Injektion ziehen Sie die Nadel heraus und sollten jetzt eine Miniquaddel unter der Fingerkuppe spüren. Massieren Sie nun die Quaddel in die Mucosa ein. Dabei wird der Druck langsam gesteigert, um zu kontrollieren, ob sich die Schmerzsensation aufgelöst hat. Immer wenn der richtige Punkt getroffen wurde, wird dies der Fall sein. Wenn nicht, palpiere ich erneut und injiziere ein zweites Mal nach, eventuell auch ein drittes Mal. Öfter behandle ich pro Sitzung nicht und warte dann erst einmal die weitere Reaktion des Patienten ab.

Die Wirkung eines ideal getroffenen Punktes ist häufig eine sofortige. Erstens ist die Druckempfindlichkeit nach der Palpation verschwunden, zweitens sind Einschränkungen etwa im Bereich des Bewegungsapparates deutlich verbessert. Aber es ist wichtig die Punkte genau zu lokalisieren und anschließend zu therapieren. Nur dann haben sie auch die entsprechende Wirkung. Nehmen Sie sich daher für die Palpation ein wenig Zeit. So gewährleisten Sie, dass Ihnen keine wesentlichen Informationen entgehen.

Praxis der Ohrakupunktur

Das Axiom von Paracelsus ist die Grundlage, sich auch der Ohrakupunktur in einer vereinfachten Form zu nähern. Das Kleine spiegelt sich im Großen und das Große im Kleinen. Als ein auf allen Ebenen wirksames Prinzip der Entsprechung ist es in die heutige Zeit einfacher zu übersetzen: Um Mikro und Makro zu definieren, sind Bezugspunkte notwendig. So ist das Ohr Mikro, im Vergleich zum Menschen als Makro. Aber auch das Ohr ist Makro, im Vergleich zu Teilen oder Punkten in ihm selbst, die dann wieder eigene Mikrosysteme sind. Dieses Denken war mir Basis für einen ebenfalls einfachen schnellen Zugang zur Ohrakupunktur.

Die fünf Elemente der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) haben Entsprechungen in oder zu Wirbelsäulensegmenten, die wiederum einer Struktur im Ohr zugeordnet sind, der Anthelix. Sie repräsentiert ebenfalls ein eigenes Mikrosystem, über das wir Zugriff auf den ganzen Menschen haben. Hier suche ich den druckempfindlichsten Punkt. Darüber baue ich ein System auf, das sich auf drei weitere Punkte, einen Punkt in der Scapha, Shen Men und Polster/Jerome, also insgesamt vier Punkte stützt und einen fünften, den Nullpunkt, als Orientierungshilfe benutzt.

Einfachheit als oberste Behandlungsmaxime

Abb. 4: Die standardisierten Behandlungspunkte. 1 Scaphapunkt, 2 Shen Men, 3 Polster bzw. Jerome, 4 Anthelixpunkt
Die standardisierten Behandlungspunkte

Ich suche die behandlungsrelevanten Punkte ausschließlich mit einem kleinen Kugelstopfer, wie er in der Zahnheilkunde benutzt wird. Dabei wird der rückwärtige Teil des zu untersuchenden Ohrs mit einem Finger der nicht den Kugelstopfer führenden Hand stabilisiert – meistens ist es der Daumen. So erreiche ich, dass für den Kugelstopfer bei der Untersuchung ein nötiges Gegenlager geschaffen wird. Mit einer leicht streichenden Bewegung fahre ich über das zu untersuchende Areal, wobei ein gewisser Druck vonnöten ist, damit sich die Punkte darstellen. Diese Arbeit geschieht ebenso wie bei der Mundakupunktur gemeinsam mit dem Patienten, der uns auch hier verbal oder mimisch recht deutlich zum Punkt führt.

Praktisches Vorgehen – Das Vier-Punkte-System


Bei dem Vier-Punkte-System (2×2) werden je Ohr vier identische Punkte behandelt. Davon sind zwei Punkte für jeden Patienten und jedes Krankheitsbild immer gleich und zwei Punkte variabel (Abb. 4). Die beiden Punkte, die ich immer akupunktiere, sind die Folgenden:

1. Regio Polster/Jerome:
Ein Punkt auf der postantitragalen Furche in dem Bereich, der nach der französischen Ohrpunktnomenklatur mit Polster oder Jerome beschrieben ist. Die postantitragale Furche findet sich, wenn wir vom Nullpunkt durch die Einkerbung zwischen Antitragus und Anthelix eine Linie zum Ohrrand ziehen. Etwa in der Mitte dieser Furche liegt der Punkt Polster. Ihm wird eine breite analgetische Wirkung zugeschrieben. Dort, wo die Furche die vegetative Rinne schneidet, findet sich der Punkt Jerome. Er gilt als vegetativ harmonisierend.

2. Shen Men:
Der Punkt Shen Men, Tor der Götter (nach chinesischer Nomenklatur 55), liegt in der Fossa triangularis, im Winkel zwischen Crus superius und Crus inferius, zum Crus superius hin gelegen. Als Wirkung wird ihm starker psychischer Ausgleich zugeschrieben. Er gilt als übergeordneter Punkt bei Schmerzzuständen und ist entzündungshemmend.
Die variablen Punkte sind die Punkte Nummer 3 und 4.

3. Anthelixpunkt:
Auf der Anthelix projiziert sich die Wirbelsäule und über die Zuordnung der einzelnen Wirbelsäulensegmente zu den fünf Funktionskreisen der ganze Mensch. Somit ist die Anthelix ein Mikrosystem im Mikrosystem. Durch den behandlungsbedürftigen Punkt zeigt sich eine Störung im Funktionskreis, wobei immer die anderen Funktionskreise mitbeteiligt sind, also der ganze Mensch. Über den gefundenen Punkt und die Übersetzung vom Segment in das senkrechte „Weltbild“ können wir nun einen diagnostischen Zugang finden zur gesamten senkrechten Kette, d. h. mindestens zu einem Fünftel des Menschen. Eine Behandlung dieses Punktes wirkt immer auf die gesamte Kette und kann sowohl oberflächliche als auch tiefe Wirkungen haben.

Abb. 5: Die vier Punkte, der Nullpunkt und die Behandlungslinie. Der rote Punkt dient lediglich als Orientierungshilfe, er wird nicht akupunktiert.
Ohrakupunktur: die vier Punkte

4. Scapha-Punkt:
Diesen Punkt finde ich nach folgendem Schema: Ist der Anthelixpunkt lokalisiert, verbinde ich diesen mit dem Nullpunkt, den ich nur zur Orientierung, nicht zur Behandlung benutze. Der Nullpunkt ist lokalisiert am Übergang vom Crus helicis zur aufsteigenden Helix. Es ergibt sich zwischen dem Anthelix- und dem Nullpunkt eine Behandlungslinie. Dort, wo diese Linie die Scapha schneidet, finde ich den vierten Punkt (Abb. 5).

Abb. 6: Anatomie des äußeren Ohrs. 1 Helixfuß, 2 Fossa triangularis, 3 Scapha, 4 Anthelix, 5 postantitragale Furche
Ohrakupunktur: Anatomie des äußeren Ohrs

Als Ausnahme gilt hier, dass diese Behandlungslinie im Anthelixbereich von LWS und Sakralbereich durch die Fossa triangularis läuft. Ich finde den Punkt Nummer vier dann entlang dieser Linie, also nicht in der Scapha – die in dieser Region nur schwer zugänglich ist bzw. ausläuft – sondern in der Fossa triangularis. Dort behandle ich den druckempfindlichsten Punkt (Abb. 6).

Der Schlüsselpunkt für die Therapie ist der Anthelixpunkt.


Ich empfehle zu Beginn, immer die ganze Anthelix zu untersuchen, selbst wenn wir durch die Schilderung des Patienten einen gewissen Verdacht für die Lokalisation des behandlungsrelevanten Punktes haben. Das übt und hilft bei folgender Unterscheidung: Finden sich mehrere druckempfindliche Areale auf der Anthelix, so sollten Sie sich für einen Punkt entscheiden. Gehen Sie dann über alle relevanten Punkte mit einem immer weiter reduzierten Druck, bis Sie bei minimalem Druck den schmerzhaftesten finden. Dafür brauchen Sie anfangs ein wenig Zeit und Geduld, bis Sie Übung darin haben. Aber es ist ebenso wie bei der Mundakupunktur wichtig, die Punkte genau zu lokalisieren. Nur dann haben sie auch die entsprechende Wirkung. Mittels Kugelstopfer können wir sie markieren und dann die Nadel einbringen.

Mögliche Reaktionen des Patienten auf die Mund- und Ohrakupunktur

Die Wirkung eines ideal getroffenen Punktes ist häufig eine sofortige, ähnlich dem Sekundenphänomen der Neuraltherapie. Einschränkungen etwa im Bereich des Bewegungsapparates verbessern sich augenblicklich deutlich und anhaltend.

Relativ selten ist ein Wirkungseintritt erst nach einigen Stunden. Sollte die Wirkung der Therapie nicht anhalten, liegt ein Verdacht auf blockierende Störfelder nahe, die eventuell zunächst zu behandeln sind. Tritt keine oder eine verminderte Reaktion auf, ist oftmals eine schulmedizinische Langzeitmedikation, etwa mit Kortikoiden, ursächlich.

Beim Entfernen der Nadel aus dem Ohr kann es zum Austritt eines oder mehrerer Tropfen Blut aus dem Akupunkturpunkt kommen. Diese allgemeine Entlastung des über den Punkt behandelten Bereichs ist fast immer ein Zeichen für eine rasche Besserung der Symptomatik. Die Behandlungsdauer der Ohrakupunktur liegt bei etwa 20–45 Minuten je Sitzung.

Die Behandlungsintervalle orientiere ich am Befinden des Patienten, die Behandlungsabstände liegen bei ein bis drei Tagen. Ich behandle den Patienten
in der Regel nicht mehr als dreimal mit dieser Methode. Geht es ihm dann nicht besser, ist meiner Erfahrung nach diese Technik für ihn nicht Methode der Wahl. In der Regel behandle ich den Patienten im Liegen. Bei der Mundakupunktur, die ich im Zahnarztstuhl durchführe, lasse ich ihn danach 15–30 Minuten auf einer Liege ruhen.

Für die ärztlichen Kollegen empfiehlt sich für die Mundakupunktur eine gute Lampe zur Ausleuchtung der entsprechenden intraoralen Areale beim liegenden Patienten, da in der Regel kein Zahnarztstuhl mit ausreichender Lichtquelle zur Verfügung steht. Mund- und Ohrakupunktur können kombiniert werden, etwa mit jeder anderen komplementären Therapieform. Selbst eine Begleittherapie zur Schulmedizin ist möglich.

Indikationen von Mund- und Ohrakupunktur

Im Funktionskreisdenken liegt jedem Symptom ein Ungleichgewicht in einem der fünf Elemente zugrunde. Mein therapeutischer Ansatz ist, diese Dysbalance durch die Behandlung wieder auszugleichen. So ist es bei jeder Erkrankung möglich, mit der Mund- und Ohrakupunktur kausal oder als Begleittherapie zu behandeln.

So lassen sich selbstverständlich auch die Zähne in das Fünf-Elemente-Schema einordnen und bei Störungen jeglicher Art über den segmentalen Zugang von der Anthelix her diagnostizieren und behandeln. Aber auch alle anderen ärztlichen Fachkollegen können vor diesem Hintergrund damit arbeiten. Immer dient das Schema der fünf Elemente als therapeutische Basis. Segmentale Erkenntnisse und der Zugang, dass ich Probleme, die sich vorne, oben oder innen zeigen, von hinten, unten oder außen behandeln kann – und umgekehrt –, erweitern das Behandlungsspektrum auf ungeahnte Weise.

Ich selbst darf den Segen dieser Methoden nunmehr seit gut zehn Jahren erleben. Sie stellen für mich eines der einfachsten Systeme dar, mit denen es Ärzten aller Fachdisziplinen möglich ist, gemeinsam zum und am Wohle des Patienten zu arbeiten. Diese Art der Therapie verliert niemals das Ganze aus dem Blick, lässt aber jeden einzelnen Therapeuten an seinem Platz und ermöglicht ihm im Bewusstsein der Erkenntnisse der erwähnten Grafik eine Medizin, bei der sich der Begriff Ganzheitlichkeit mit Leben füllt.

Nachteile und Nebenwirkungen


In meiner 15-jährigen Erfahrung habe ich keine Nachteile oder Nebenwirkungen beobachtet. Vom Ansatz, Akupunktur als harmonisierende, ordnende Therapie einzusetzen, findet die Therapie ihr Selbstverständnis darin, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Ein Behandler, der vor allem an sich selbst in dieser Richtung arbeitet, sollte mit dieser Einstellung nur positive Dinge initiieren. Möge dieser kleine Artikel Zahnärzte und Ärzte motivieren, die Mund- und Ohrakupunktur aufzugreifen und praktisch anzuwenden. Haben wir den Mut, uns für Methoden zu begeistern, die das Angenehme für uns selbst mit dem Nützlichen für die Anderen verbinden.

Literatur:

Graf, Kh.
Ganzheitliche Zahnmedizin. Stuttgart: Sonntag 2000.

Wettingfeld, B.
Ohrakupunktur nach dem Vier-Punkte-System. BOD 2007 (zu beziehen über den Verfasser).

Autor:

Dr. med. dent. Bodo Wettingfeld

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