Integrative Zahnheilkunde

Diskutable Fundamente Biologischer Oralmedizin

Von Heinz Spranger

Jedes Wissen ist nur verständlich im Zusammenhang mit der Zeit, in der es er- und verarbeitet wird. Darum erscheinen herkömmliche Sichtweisen in demselben Rahmen, in dem komplementäre und damit integrative liegen. Daraus wird emergent ein komplexes Bild, das eine neue Konvention in der biomedizinischen Kenntnis erbringt, in der auch jüngste Ergebnisse des Kenntnisgewinns sind.

Die Humanökologie hat sowohl mit der Ökologie, als auch dem Nano- und Femtobereich Ähnlichkeiten (Ungleichheiten), wie sie in der ‚Geophysik’, als auch in der ‚Physik der kleinen Dinge’ gefunden werden. Es schiene verwunderlich, wenn Regeln, die in anderen Wissensbereichen nur durch ihre Größenordnung unterschiedlich, aber sonst als gleich gefunden worden sind, für Physiologie und Biologische Medizin keine Geltung haben sollten, nur weil sie zum derzeitigen Stand der Wissenskonvention nicht passen sollten. Pischinger hat 1956, Heine hat 1997 unter dem Eindruck eines sich ändernden Morphologie-Verständnisses dem Zellbegriff der Zellularmorphologie eine linear kausale Abstraktion zuordnet, weil die Zelle im konventionellen Sinne der Medizin aus praktischen Gründen zum Modell stilisiert wurde. Ziehen wir zu der Betrachtung einer komplexen Medizin das lebenserhaltende Prinzip der Trias Kapillare – Grundsubstanz als Matrix und als Korrespondenzvermittler – Zellen und Gewebe heran, kommt man einer systemischen Schau nahe. Diese systemische Schau ist erforderlich, weil hinter gleicher Symptomatik in der Biologischen Medizin viele unterschiedliche Krankheitsbilder verborgen sein können. Deshalb sollte man sich dem körpereigenen Grundsystem über die Innere Körperoberfläche nähern, also „von oral bis anal“ und von „rhinal bis pulmonal“, weil die Mustermorphologien und -physiologien der Schleimhäute einander sehr ähnlich sind.

Unter allgemeinärztlichen Aspekten ist von Bedeutung, dass alle Schleimhäute in der Lage sind, bestimmte Stoffe passieren zu lassen, oder semipermeable Barriere-Funktion darzustellen:

Die dünne, nicht verhornte Schleimhaut des Unterzungenraumes gestattet die Aufnahme von Medikamenten, die damit sofort in den Körperkreislauf gelangen [Löning 1984]. Diese therapeutisch erwünschte Passage ist auch bei immissionstypischen und onkologisch relevanten Toxinen ausschlaggebend möglich. Man findet deshalb in dieser Region, die nur 16-20 % der Mundhöhlenschleimhaut ausmacht, nahezu 60-80 % aller Tumoren der Mundhöhle [Lehmann 1991]. Dasselbe Phänomen belastet die Integrität des Körpers über parodontale Läsionen [Spranger 1980].

Resistenz-Barrieren sind stufenweise ausgeprägt: Einer Fremdkeimüberflutung der schleimhaut-auskleidenden Räume stellt sich eine dichte bakterielle Standortflora (als „Biofilm“ in Einzelkeimen, Keimklumpen und Keimkolonien) auf der Oberfläche aller Schleimhäute entgegen, die einen sofortigen Besatz und damit einen lokalen Stoffwechsel (mit seinen toxischen Endprodukten) der passageren Fremd-Keime unterbindet. Zwischen ihren Anklebungen kompartimentieren sie sowohl austretende, als auch einsickernde Flüssigkeiten. Sie haben fernerhin einen eigenen Chemismus, der (im Gegensatz zu bestimmten Fremdkeimen) vom Körper akzeptiert wird. Dies gilt selbstverständlich auch für alle „exponierten“ Körperoberflächen, also äußerer, innerer, traumatischer und iatrogener Wundoberflächen. Das ist die Stufe von Kolonisationsresistenz durch einen intakten Standortbiofilm, die sowohl Agglutination und Austausch, als auch lokalen Einbruch ermöglicht. Prädisponierende Faktoren des Einbruches sind einerseits Mikrospuren von subbakteriellen Elementen, zu denen auch Viren und Toxine gehören, und andererseits Abschilferungen durch turn-over der Barriereschichten. Die Rolle der nicht-mikrobiellen Exotoxine ist bisher stark unterschätzt worden. Dazu gehören auch topische Therapiemittel (selbst „einfacher Teextrakte“), weil ein Teil der Desinfektionslösungen am und im Biofilm selektiv wirken und damit auch die Kolonisationsresistenz schwächen könnten. Möglicherweise vernichten sie dabei auch bestimmte Immuntrainer.

Die Schleimhäute besitzen ein eng und dick gepacktes Muster von Zellen, die – zur Tiefe hin zunehmend – so gute Membranfunktionen aufweisen, dass sie bei geringer Faltung auch nur wenig Toxindurchlass erlauben. Chemisch treten Proteoglykane, Hyaladherine und Lektin-bindende Proteine in den Vordergrund, die „Homing“-Superfamilie unter den interzellulären Vernetzern. Direkt an der Zellmembran hat die Ektodomäne eine proteolytisch angreifbare Stelle. Wird sie entweder durch Funktions-Defekte der Zellmembranen, oder durch heftigen Toxinschub von außen gelöst, ist damit auch die Toxinresistenz vermindert; die Barriere kann zusammenbrechen. Möglich ist, dass dieser Effekt infolge einer ätiologisch heterologen dystrophischen Epithelisation wesentlich früher greift. Solche Zustände führen dann zu Erosionen und Ulzera.

Die subepitheliale Barriere, also die Grundsubstanz, die am engsten unter der Oberfläche liegt, ist reich an freien Zellen, die dendritischen Aufbau und Charakter haben, beweglich sind und Phagozytose betreiben können. Sie werden „von oral bis anal“ angetroffen und in ihren ersten Beschreibungen als ‚lining cells’ bezeichnet [Heine & Spranger 1995]. Im Rahmen der Zellularpathologie würde man ihnen chemotaktische Organisation als Makrophagen zusprechen. In der Biologischen Medizin gelten sie als Informationsvermittler zur humoralen Abwehr. Sie sind also energetisch für die Zelluläre Resistenz verantwortlich.

Das stratum retikulare der Grundubstanz ist reich an Gefäßversorgung, mit der epithelialen Basalmembran zusammen nicht nur der Ausgangspunkt für Diffusion und Ernährung des Epithels, sondern ebenso strukturelle Grundlage der Humoralen Resistenzbarriere. Sie differenziert nicht erheblich zwischen carrier-Substanzen (c-Proteine), (Plasma-)Zellen und freien Immunglobulinen (IgE verantwortet Mastzellen-Apoptose).

Aus dieser Sichtweise wird deutlich, dass zwischen Biofilm und strukturellen Organisation mithilfe seiner Grundsubstanzen, extrazelluläre Informationsdetektoren und –vermittler liegen, die funktionell gespannte Saiten eines schnell reagierenden Systems sein können. Heine spricht ihnen (1997) sogar Resonanzfähigkeiten zu, was eine leicht zu beobachtende hohe Geschwindigkeit in der Aktionskette erklärt.

Die Physiologie der Schleimhäute wird sich mithin mit Immun-Korrespondenzmöglichkeiten zwischen den funktionellen humanökologischen und den komplexen morphologischen Bedingungen beschäftigen müssen, um der biologischen Schau gerecht zu werden.

Funktioneller Übergang zur Grundsubstanz

Die didaktisch exemplarische konventionelle Medizin basiert auf der von Dr. Ludwig Rudolf Carl Virchow, von 1855 bis 1902 Professor für Pathologie und Chirurgie in Berlin, entwickelten „Zellularpathologie“, die die Zelle in das Zentrum krankhafter Prozesse stellt und die Krankheit auf Veränderungen der Zelle zurückführt. Diese Pathologie war die wichtigste Grundlage für die Medizin. Mit ihr wurde die große naturwissenschaftliche Epoche der Medizin inspiriert. Ihr fehlte jedoch, besonders in der späteren Weiterentwicklung, die Berücksichtigung der Beziehungen zum Nerven- und Gefäßsystem. Außerdem aber lassen sich diverse richtungs- und geschwindigkeitsbezogene Funktionen im Körper der Vertebraten nicht zuordnen. So ist trotz guter Berücksichtigung aller nervaler und vaskulärer Verbindungen im Körper nicht nachvollziehbar, wie bestimmte ‚Sofortphänomene’ zu erklären sein sollen.

Exemplarische Grundsubstanzphysiologie

Pischinger hat das ‚System der Grundregulation’ beschrieben. Er wurde Begründer der feingeweblichen Histochemie und gab die Erklärungen für Kommunikationsphänomene in bindegeweblichen Strukturen des gesamten Organismus. Das von ihm benannte Grundregulationssystem beinhaltet das Netzwerk aus Kapillaren, interzellulärem Fibroblasten- und Fibrozytenmilieu, Zellmembranen, und vegetativ-nervaler Endstruktur, die mit lymphatischen Geweben und Flüssigkeiten in Verbindung stehen. Biochemische Grundlagen seien Proteoglykane und Strukturglykoproteine, die das makromorphologische Milieu mosaikartig strukturieren und durchwirken [Pischinger 1975].

Biologische Grundsubstanz und Saiten

Die Strukturierung dieser Grundsubstanz hängt von einem Fließgleichgewicht ab, das eine Molekularsiebfunktion bereitstellt. Das synthetisierte Grundgerüst der Zuckerpolimeren wird nach Ausschleusung in den Extrazellularraum durch Enzyme wie Glykosyltransferasen, Ekto- und Endoglykolidasen prozessiert.

Die netzförmige Verbindung der Grundsubstanz ist weiter durch ihre Funktion als Saiten erklärbar, die wir als Korrespondenzmediatoren verstehen. Jede Funktion benötigt Energie. Jede Energie benötigt sowohl Entstehungs-, als auch Wirkungsorte. In der Zellularpathologie sind diese die Zellen mit ihren ADP- und ATP-Systemen. In der Grundsubstanzphysiologie sind dies die Grundsubstanzsaiten und Tunnelstrukturen aus der räumlichen Anordnung der Biopolimeren der Zuckerketten. Hierbei spielen hydrophobe „Innensaiten“ und hydrophile „Außensaiten“ mit Durchmessern von 5 bis 80 Mikrometer, die man den Matrisomen nachsagt, eine Rolle. Matrisome bestehen aus vier Makromolekülen: Proteoglukane/Gykosaminoglykane, Strukturglykoproteine, Vernetzungsglykoproteine und transitär gebundene Proteine. Zu den letztgenannten gehören Zytokine, Wachstumsfaktoren, Hormone, Enolasen und andere Wirkstoffe mit unterschiedlichen Wirkungsgraden und Lokalisation.

Bioenergetik

Energie ist ein Maß, eine messtechnische Größe von Veränderungen der Materie.

Ein wesentlicher Grund, warum Energie und Materie anfingen, ein semantisches Eigenleben zu führen, war Einsteins Formel E=mc2. Was hier tatsächlich ausgesagt wird, ist, dass, wenn man die aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehende Materie vollkommen in Strahlung, d. h. Photonen umwandelt, diese feinere Materie ein ungeheuer großes Maß an Energie besitzt. Photonen sind auch eine Form von Materie, da sie zum Beispiel auf ihrem Weg durchs All vom Schwerefeld der Planeten und Sonnen angezogen und abgelenkt werden oder  andere Teilchen anstoßen oder von diesen angestoßen werden können.

Wenn man biologische, das heißt Lebens-Formen in Bezug auf ihre Energie betrachten, wird man nicht erwarten, nur eine Art von Energie zu finden, wie dies oft bei Diskussionen über "Lebensenergie" assoziiert wird [Hommel 2008].

Bei der Nutzung von anderen Wissensgebieten ist auch offensichtlich, dass Energie oft einen materiellen Träger hat, z. B. ein Elektron, ein Photon, ein bewegtes oder erwärmtes Objekt u.s.w. und dass dies nicht grundsätzlich der Fall sein muss. So hat zum Beispiel ein Gravitations- oder elektrisches Feld eine bestimmte Energie, ohne dass es aus teilchenhafter Materie besteht. Vorgänge in biologischen Systemen bedeuten unter energetischen Gesichtspunkten das Vorhandensein von potentieller und kinetischer Energie. Embryonale Stammzellen sind z. B. Zellen mit sehr hoher Energie, da sie in sich die Fähigkeit haben, sich in jede andere Zellform umzuwandeln.

Aus den physikalischen Wissenschaften ist bekannt, dass ein System, das keinerlei Ordnung, Richtung oder Struktur mehr aufweist, keine Energie mehr besitzt. Dies ist bezeichnend für den Wärmetod eines Systems, die völlig ungeordnete Bewegung elementarer Teilchen. Für biologische Messungen kann abgeleitet werden, dass ein System eine umso höhere Energie besitzt, je mehr Ordnung, Richtung und Struktur sie aufweist.

Zu klären muss sein, ob Tunnel aus Grundsubstanz in der Lage sind, Energie durch Strömung zwischen hydrophoben und hydrophilen Partien abzugeben. Der Stofftransport in der Grundsubstanz ist nach der Interpretation der Ergebnisse von Pitha [1983] durch Heine erstaunlich einfach ermöglicht. Es entstehen durch die Möglichkeit von Ringschlüssen der Zuckerkomponenten von PG/GAGs tunnelartige Strukturen von circa 5–80 nm, die wie bei Zyklodextrinen eine hydrophobe Innen- und eine hydrophile, mit Wasser benetzte Außenwand haben. Proteine, Lipide, Immunglobuline, Zytokine, selbst Hormone, werden unter Verdrängung von Wasser in das Tunnellumen aufgenommen und weitertransportiert. Das Wasser peitscht dabei aus dem Lumen heraus und verschiebt sich im Geweberaum zwischen Grundsubstanz und Zellen.

Sobald im Tunnellumen alle chemischen Vorgänge, die im Körperkompartiment Wasser ablaufen, beendet worden sind, nimmt der Wasserfluss nach außen hin ab. Durch dieses Phänomen werden Molekülketten zusammengepresst. Die vorher im Wasser dispergierten Teilchen kollabieren miteinander. Diese Kontraktion kann bei einer relativ kleinen Masse noch zum Stillstand kommen. Je größer die Masse ist, desto kleiner und dichter wird der Klumpen. So ballt sich also immune Energie zusammen. Welcher Art die Aktion ist, die von dieser Energie ausgeht, ist deswegen nicht vorherzusagen, weil unterschiedliche Teilchen mit komplexen Mustern entstehen. Insofern ist diese Transportbahn singulär. Im Stadium der Singularität gelten deswegen keine Gesetzmäßigkeiten, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Kombinationen nicht gekannten Ausmaßes haben. Am Ereignishorizont, der Grenze zum Tunnel, ist ausschließlich ein steady-state-Gleichgewicht mit Gewebewasser zu erwarten. Es ist zu erwarten, dass diese Tunnel eine von ihrem Inhalt abhängige Geschwindigkeit der Entfaltung und des Zusammenfalls haben. Wechseln ihre OH-Bindungen an der Außenfläche sehr schnell, wird man auch sehr schnelle Aktionen erwarten können. Jeder dieser Tunnel emittiert also Bündel von Reaktionen, die der komplexen Chemie der Grundsubstanz unterworfen sind. Folgt man dieser Vorstellung, ist zwingend, dass ein funktionierender Tunnel in einer Netzstruktur der Grundsubstanz groß oder kleiner sein kann. Die Geschwindigkeit, mit der er Informationen, z. B. zur Immunkompetenz abgibt, ist unabhängig von seiner Größe oder Länge.

Würde man die an der Öffnung des Tunnels zur Verfügung stehende Masse und ihre Dichte berechnen können, so hätte man damit einen Anhaltspunkt für die Geschwindigkeit eines Austausches mit dem darüber stehenden Wassers. Damit könnte man die Geschwindigkeit im Körper ablaufender Impulse vergleichen und also Grundsubstanzinformationen mit denen der nervalen Bahnen vergleichen.

Wenn in diesem Tunnel-System allerdings Partikel eingeschlossen sind, kann es zu einer ‚Verschlackung’ kommen, die weiteren Stofftransport und Stoffaustausch verhindert. Je mehr Bahnen ‚verschlackt’ sind, desto mehr ‚Umwege’ muss ein Informationstransport gehen; desto langsamer ist mithin die Aktions- und Reaktionskapazität innerhalb der Grundsubstanz.

Ein Tunnel mit einer Querschnitt von 10 Mikrometer und höherer Fließgeschwindigkeit als Blut- oder Lymphstrom könnte auch Elektronen-Protonen-Paare produzieren. Damit blieben elektrische Ladungen, Drehimpuls und Magnetfelder erhalten.

Immunkorrespondenz

Die semantische Definition beinhaltet eine biologische Funktionseinheit (der Vertebraten) mit spezifischen Reaktionsabläufen auf humoraler und zellulärer Ebene. Dadurch wird eine Individualstruktur (Integrität und Individualität) gewährleistet. Das Immunsystem der Invertebraten hat dagegen keine Spezifität der Abwehrmechanismen. Diese biologische Funktionseinheit „Immunsystem“ ist empfindlich abhängig von Qualität, dem Grad und von Quantität, der Auslastung einer Informationsvermittlung z.B. zwischen Antigenhapten und Trägermolekül einerseits und Antikörpersystem andererseits. Die immunologische Individualstruktur muss mithin systemisch organisiert sein. Sie hat also strukturbiologische Besonderheiten, die mit großer Wahrscheinlichkeit im Grundsystem gesucht werden können. Im Verdacht stehen dafür die beschriebenen netzförmig verbundenen Proteoglykane und Strukturglykoproteine, die eine Informationssaitenfunktion übernehmen.

Natürliche passive Immunität

Diaplazentar (durch die IgG-Plazentapassage) oder durch das Kolostrum wird maternales Immunglobulin auf den Fetus übertragen, der mithin eine Immunität als vorübergehenden Schutz hat, bevor der fetale Organismus eine eigene Immunantwort erlernt. Dazwischen kommt es im Fetus zu einer Verstoffwechselung, bzw. Ausscheidung der passiv übertragenen Antikörper. Diese Phase ist in der Regel kurz, wenngleich risikoreich. Das trifft in besonderem Maße für Frühgeborene, und unter ihnen die extrem Leichtgewichtigen, zu. Von diesen wiederum ist bekannt, dass sie häufig von Müttern stammen, bei denen lebenstiltypische oder kaskadisch anderweitig erworbene komplexe Syndrome mit pathologischen Exprimaten an der inneren Körperoberfläche zu finden sind. Wir haben dieses Geschehen bei Müttern mit Parodontitis-Symptomenkomplex im Einklang mit der vorhandenen Literatur publiziert [Spranger 2000].

Physiologische aktive Immunität

Aus der morphologischen Kenntnis über die äußere und inneren Körperoberflächen ist ableitbar, dass die Kolonisationsresistenz der Gewebeoberflächen von dem dichten Biofilm ausgeht. Er verhindert die Nidation von Fremdkeimen. Andererseits hat er einen Eigenstoffwechsel, der selbstverständlich auch Antigene erzeugt. Diese Antigene stimulieren das Immunsystem ständig; sie sorgen für die vorhandene Reagibilität und damit auch zur Immunkorrespondenz. Von morphologischer Bedeutung ist, dass der Biofilm auf einer Oberfläche dichter Zelllagen ruht, sodass die Toxinpassage in die Tiefe zumindest erschwert ist. Diese Toxinresistenz ist wichtiger strukturbiologischer Barrieremechanismus. Andere Barrieren sind mit dazu unterschiedlichen Funktionen ausgestattet. Im subepithelialen Bindegewebes findet sich die Zelluläre Resistenzbarriere mit antigenpräsentierende Zellen. Es sind Zellen des mononukleären Phagozytensystems. Während sich die ruhenden Monozyten nach Antigenkontakt zu aktivierten Makrophagen im subepithelialen papillären Raum entwickeln, zeigen sie ihre typischen Effektormechanismen der zellulären Immunität.

Neben ihnen existieren, wie Heine, Spranger und Schaeg 1993 zeigen konnten, im Stratum Papillare des Bindegewebes ortsständige Zelltypen mit akzessorischer Funktion. Sie sind keine ‚berufsmäßigen’ Phagozyten, binden aber Antigen definitiv, ohne es zu modifizieren. Etliche sind durch zahlreiche sternförmige Ausläufer gekennzeichnet und werden daher unter dem Begriff der membranausstülpenden dendritischen Zellen zusammengefasst.

Dendritische Zellen befinden sich als ‚Langerhans-Zellen’ in der Epidermis und im Schleimhautepithel, interdigitierend (ALSO ‚in line’ LINING CELLS).

Dendritische Zellen wandern in T-Zell-abhängige Regionen der sekundären lymphatischen Organe und als follikuläre Zellen in B-Zell-abhängige Regionen der lymphatischen Organe. Epidermal und epithelial erfüllen sie noch Barrierefunktionen, in lymphabhängigen Regionen Konturfunktionen, mit der sie als Informationsvermittler passager fehlende Stellglieder ersetzen. Damit treten sie als Vermittler im Proteoglykan- und Strkturglykoproteinnetz in Erscheinung; in Verbindung mit der semantisch wenig streng definierten Verschlackung des Grundsubstanzsystems, z. B. bei Genussmittelabhängigen, halten sie, wie Heine & Spranger 1995 darstellen konnten, die Immuninformation sehr lange Zeit aufrecht.

Dendritische Zellen verlieren, im Gegensatz zu Makrophagen, die einmal gebildeten immunogenen Moleküle (Peptid/MHC-Komplexe) auf der Zelloberfläche nicht mehr. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sie im Lymphknoten eine Immunantwort gegen die Antigene induzieren können, die sie in der Peripherie aufgenommen haben. Form- und Funktionsbeschreibung der dendritischen Zellen gehen auf Steinman zurück (Rockefeller-Univ. New York), der 1999 für seine Publikationen den Robert-Koch-Preis erhalten hat. Er legte mit der Präsentation und den Folgerungen daraus den Grundstein für die Entwicklung von Tumorvakzinen.

Mit dem schnellen Transport übernehmen sie eine Adjuvansfunktion. Adjuvantien werden übrigens beim klassischen medizinischen Impfungsschemat gemeinsam mit den Antigenen verabreicht [Bundschuh, Schneeweis & Bräuer 1991]. Die Immunreaktion wird hierdurch wirksam verstärkt. Werden dendritische Zellen mit Fremdantigen beladen und dann z. B. in Versuchstiere gespritzt, so ist kein Adjuvans notwendig, um eine starke primäre Immunantwort (= Immunisierung) zu erzielen. Diese Beobachtung führte dazu, dass dendritische Zellen als "Adjuvans der Natur" bezeichnet wurden. Man kann im morphologischen Bild dendritischer Zellen erkennen, wie durch die schleierartigen Membranausläufer die Zelloberfläche einer reifen dendritischen Zelle enorm vergrößert wird. Hierdurch wird nicht nur ein Andocken von vielen Antigenen, sondern auch eine Kontaktaufnahme mit vielen T-Lymphozyten möglich und damit die Voraussetzung geschaffen, quasi durch ein permanentes "Screenen" der den Lymphknoten durchlaufenden Lymphozyten diejenigen zu finden, die für das mitgebrachte Antigen die passenden Rezeptoren haben.

Die Funktionalität der dendritischen Zelle endet mit der kompletten Bindung von Informationsvehikeln an ihrer imponierend großen Zelloberfläche. Ist diese Membran total belegt, wird der biologische Informationsläufer von der Peripherie in andere Bereiche unnütz, weil er nicht mehr adjuvanter Sammler an seinen molekularen Sensoren sein kann. Das Zellschicksal innerhalb der Grundsubstanz ist einfach: Die Zellmembran besteht aus zwei Lipidschichten mit eingelagerten Proteinen. Im Detail betrachtet, sind die innere und die äußere Schicht jeweils aus einem unterschiedlichen Sortiment von Bausteinen zusammengesetzt. Unter dem destruktiven Einfluss der Apoptosebereitschaft gerät diese Ordnung ins Wanken. Phospholipide wie das Phosphadylserin, die sonst an der Innenseite bleiben, wandern nach außen. Proteine und Kohlenhydrate strukturieren sich ebenfalls um. Dies lässt die Zellmembran aufgehen; ein Lipidmolekül der inneren Zellwand wandert heraus und macht die Zelle erkennbar apoptosefähig, ist mithin biologisches Signal für zelluläres Ableben. Ihre Zelltrümmer werden von den mononukleären Phagozyten abgeräumt. Dies ist am Fadenwurm Caenorhabditis elegans gezeigt worden, der nur ein einziges Protein als Rezeptormolekül hat. Dieses gleicht einem Membran-Protein, das defekte Lipoproteine einfängt und aus der Funktion zieht. Es wird vermutet, dass das Informationsmolekül Phosphatidylserin ist. (Zhou 2002).

Begrifflichkeit: Immunmodulation

Wirkstoffe unterschiedlicher Herkunft beeinflussen eine Immunantwort im Sinne von einerseits der Hervorhebung suppressiver Eigenschaften bis zur Toleranz toxikologischer Stoffe und Antigenen gegenüber oder andererseits im Sinne von Immunpotentatoren (Keller 1987). Das bisher ausschließlich als Abwehrsystem bekannte Immunsystem erhält mit diesen Erkenntnissen unserer Zeit nicht nur ungewöhnliche Funktions-Module, sondern auch Selbstähnlichkeiten (also Ungleichheiten) in Formen und Funktionen, die in der Vergangenheit traditionelle Schemata ausmachten. Das Verständnis der auf diesen Grundlagen aufbauenden Biologischen Medizin muss das Verstehen von Fraktalen beinhalten (fractus = gebrochen, um Dinge zu beschreiben, die irregulär zu sein scheinen). Fraktale können näherungsweise oder statistische Ähnlichkeiten haben, jedenfalls eine Form haben, die unabhängig von geometrischer Berechenbarkeit ist. Die Definition von ‚Fraktal’ ist in der Biologie wie die Definition von ‚Leben’, eine ernste Beschreibung der Komplexität, die es zu erfassen gilt.

Der Rahmen der Biologischen Oralmedizin schließt nicht nur eine bisher nicht konventionelle Betrachtungsform physiologischer und pathologischer Aktions-Abläufe ein, sondern ebenso einen veränderten Kanon des Zusammenspiels zwischen Einwirkungen und modulierten Antworten auf die Humanökologie. Es lohnt sich mithin, Einzelheiten dieser Sichtweisen am herkömmlichen Verständnis von Salutologie, Nosologie und Semiotik zu prüfen. Das daraus abzuleitende systemische Bild bringt Neuerungen auch in Anamnestik und Katamnestik.

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Zit. Nach Klärner, D. FAZ N2 9.01.2002 Nr. 7.

Autor:

Dr. mult. Heinz Spranger, Univ.-Prof. a. D.

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