Integrative Zahnheilkunde

Mind-Body-Medizin

Von Tobias Esch, erschienen in: KIM, 5/2008: 35–39.

In der Mind-Body-Medizin werden Körper bzw. individuelle mentale Fähigkeiten eigenverantwortlich für eine bessere Gesundheit eingesetzt, d. h. Geist und Körper werden zu primären therapeutischen Instrumenten. In Deutschland werden die Begriffe Integrative Medizin und Ordnungstherapie nahezu synonym zur Mind-Body-Medizin verwandt, die wiederum inhaltliche Überschneidungen zum Stressmanagement zeigt.

Stress, Stressmanagement und Gesundheitsförderung

In Europa hat sich in den letzten Jahren eine medizinische Strömung etabliert, die verschiedene Aspekte der klassischen europäischen Naturheilkunde – hier insbesondere die Säule der „Ordnungstherapie“ des Sebastian Kneipp – mit Einflüssen aus dem angloamerikanischen Raum zusammenführt. Dabei haben gerade Aspekte der Evidenzbasierung und Wissenschaftlichkeit letztlich zu einer zunehmenden Akzeptanz geführt.

Diese Integration ursprünglich verschiedener Medizinmodelle und -verständnisse hat zu dem Terminus der „Integrativen Medizin“ geführt, der heute als Oberbegriff für dieses junge medizinische Gebiet verwandt wird. Dabei wird schon durch diese Bezeichnung der Anspruch an Ganzheitlichkeit deutlich, welcher sich auch darin widerspiegelt, dass nahezu synonym, vornehmlich im US-amerikanischen Raum, von der sogenannten mind-body-medicine (Mind-Body-Medizin) gesprochen wird.

Worum geht es dabei? Letztlich betonen die genannten Bezeichnungen und das dahinter stehende Menschenbild den untrennbaren Zusammenhang zwischen Geist, Seele und Körper in jedem Menschen (und damit auch in unseren Patienten) und schauen auf die gesundheitsförderlichen Potenziale, die es zu wecken, zu stärken und zu regenerieren gilt. Diese präventivmedizinisch ausgerichtete und salutogene Sichtweise, welche auf die Eigenkompetenz eines

Gemeinsames Merkmal
Kennzeichnend für alle Mind-Body- oder Stressmanagement-Techniken und Ansatzpunkte ist die Fokussierung auf positive bzw. gesunde Verhaltensweisen und Denkprozesse, wodurch dynamische Gleichgewichtszustände auf physiologische Art und Weise gefördert und das salutogenetische Paradigma unterstützt werden.

jeden Menschen schaut und die Widerstandsressourcen sowie Gesundheitsschutzfaktoren in das medizinische Kalkül einbezieht, integriert somit auch ein wesentliches Merkmal der komplementären und/oder alternativen, naturheilkundlichen Medizin: die Regulationskräfte, d. h. Selbsthilfe und Selbstheilungskräfte. Bei kaum einem Phänomen der modernen Zeit, welches uns überall zu begegnen scheint und zudem einen engen Bezug zur modernen Medizin besitzt, werden derartige Konzepte deutlicher und ihre Aktualität dringlicher gegenwärtig als beim Stress und der zugrunde liegenden Stress(patho)physiologie. Dieses hat unter anderem dazu geführt, dass sich die akademische Medizin auch der westlichen Welt neuerdings den Erkenntnissen und Anwendungsaspekten der Integrativen Medizin zuwendet. Hierbei finndet die Idee eines professionellen Stressmanagements – geradezu als Vorreiter – eine allgemeine Akzeptanz im Sinne einer angewandten und integrativen Gesundheitsförderung. Auch hier gilt, dass berechtigterweise nur angenommen wird, was sich mit etablierten, wissenschaftlichen Methoden in seiner Wirksamkeit und Anwendbarkeit als sinnvoll erwiesen hat. Mit diesem Artikel soll ein kurzer Überblick zu den angesprochenen Bereichen gegeben werden, wobei das Stressphänomen und die Stressbewältigung im Mittelpunkt stehen sollen.

Mind-Body-Medizin

Mind-Body-Medizin im eigentlichen Sinn ist nicht gleichzusetzen mit der Psychosomatischen Medizin, wie es die Begrifflichkeiten eventuell nahe legen könnten. Die Mind-Body-Medizin beschäftigt sich mit dem positiven Potenzial für Befindlichkeit und Gesundheit, welches aus dem gezielten Einsatz von geistig-seelischen – wie auch von körperbetonten – Techniken sowie aus der Geist-Seele-Körper-Interaktion insgesamt abgeleitet und therapeutisch nutzbar gemacht werden kann [1-3]. Es wird also primär auf das Gesunde geschaut, vorhandene salutogene Ressourcen sollen gestärkt und weiter trainiert werden.

Mind-Body-Medizin wird von den National Institutes of Health (NIH) in den USA formal definiert als eine Medizin, die auf die Interaktionen und Beziehungen zwischen Gehirn, Geist, Körper und dem Verhalten abzielt sowie auf effektive Mittel und Wege, mit denen emotionale, mentale, soziale, spirituelle und behaviorale Faktoren direkten Einfluss auf die Gesundheit nehmen können [4]. Das Medizinkonzept ist damit ganzheitlich und integrativ. Die Basis ist eine Einstellung, welche die Fähigkeit jedes Einzelnen zu Selbsterkenntnis und Selbsthilfe respektiert und befördert und Techniken zur Geltung bringt, die jene Einstellung beinhalten oder zur Grundlage haben.

Als Mind-Body-Techniken werden so beispielsweise Interventionsstrategien wie Entspannungstechniken, Hypnose, Imaginationsübungen, Meditation, Tai-Chi, Qigong, kognitiv-behaviorale Ansätze, Gruppenunterstützung, Autogenes Training und Spiritualität angesehen [3-5]. Für unsere weitere Betrachtung an dieser Stelle soll insbesondere der immanente integrative Aspekt der Mind-Body-Medizin von Bedeutung sein, wie er in der Integrativen Medizin und auch in ihrem Pendant bzw. Teilbereich, der Integrativen Gesundheitsförderung („Integrative Medizin für Gesunde“), Ausdruck findet. Beide sind stark an die Strömungen der Mind-Body-Medizin angelehnt und werden zum Teil begrifflich synonym verwandt. Dabei soll uns insbesondere die Anwendung dieser therapeutischen Konzepte auf das alltägliche Phänomen des Stresses beschäftigen.

Stress

Stress ist heute in aller Munde. Dabei ist Stress an sich nicht neu, es hat ihn immer gegeben, er gehört zum Leben dazu. Entscheidend dagegen sind die Frage der Dosis (Dauer, Stärke und Form) und die Frage, wie wir mit Stress umgehen, ihn bewältigen. Stress – d. h. eine meist plötzlich auftretende, bedrohliche oder schlicht herausfordernde Situation, welche uns zwingt zu reagieren – löst in unserem Körper/Geist (inkl. dem Gehirn) physiologische Anpassungsmechanismen aus, die sogenannte Stressantwort (engl. stress response) [1]. Solche endogenen oder autoregulativen Reaktionen haben das Ziel, uns in die Lage zu versetzen, auf außergewöhnliche Situationen (die Auslöser = Stressoren), wenn irgend möglich, adäquat zu reagieren [2]. Es handelt sich hierbei also um eine fraglos sinnvolle biologische Fähigkeit, eine gewissermaßen „gesunde“ Überlebensstrategie, die erst das Überleben einzelner Organismen und ganzer Arten (und sogar die biologische Evolution an sich [6]) gefördert und letztlich mit ermöglicht hat. So finden wir Stressreaktionsmechanismen und vergleichbare biologische Strategien schon bei einfachsten Lebewesen [6]. Stress ist somit nicht per se krankhaft. Gefährlich wird es allerdings, wenn er chronisch auftritt, wir uns also von der stressbedingten Weckreaktion (engl. arousal) nicht wieder erholen können. Dies geschieht, wenn die physiologische Balance nicht wieder hergestellt werden kann oder wenn unsere Stressregulation aus anderen, letztlich jedoch seltenen Gründen generell gestört ist [7-9]. Und es geschieht auch, wenn Stress – besser: die Stressoren – zu massiv ist, als dass unsere Regulationsmechanismen damit noch auf normalem, gesundem Wege fertig werden könnten.

Kämpfen, fliehen oder sich ergeben?

Stellen wir uns eine Antilope vor, die plötzlich auf der Savanne einem hungrigen Löwen begegnet. Sie hat, will sie überleben, nur die Wahl: zu kämpfen (was vielleicht in diesem Fall nicht die richtige Entscheidung wäre) oder aber, wohl besser, zu fliehen. Im Englischen bezeichnet man dies als fight-or-flight response. Eine weitere im Tierreich mitunter zu beobachtende Verhaltensweise tritt auf, wenn der Stressor zu massiv ist bzw. der Gegner intuitiv oder kognitiv als zu stark erkannt wird: Das unterlegene Individuum kann sich in diesem Fall ergeben (engl. freeze). Dies wird den Feind aber nicht immer zum Ablassen bringen, mündet letztlich also – übertragen auf das Antilopen-Löwen-Beispiel – mitunter auch in einen pathologischen, ungesunden „Bewältigungs“-Mechanismus. Die Antilope braucht im Moment der Flucht keinen trägen Metabolismus oder eine wohl abgestimmte Verdauung, sondern ein schnelles Herz, schnelle Beine/Hufe und eine blitzartige Bereitstellung von Konzentration und Energie. Dieses alles (und noch viele Aspekte mehr, welche mit der Herunterregulierung des parasympathischen und Anfeuerung des sympathischen Nervensystems einhergehen) wird im Wesentlichen vermittelt durch die Aktivierung der verschiedenen physiologischen Stressachsen in Hirn und Körper. Diese führen wiederum zur Ausschüttung von Stresshormonen (v.a. Adrenalin/Noradrenalin und Cortisol) und damit zu den beschriebenen Prozessen [10-14]. Nun sind wir Menschen biologisch und in Bezug auf unsere Stressregulation leider noch nicht sehr weit von der Antilope entfernt. Mehr noch, wir haben uns mangels realer Feinde, mit denen wir einen unmittelbaren Überlebenskampf führen würden, neue Lebenswelten und Ersatz-Kampfarenen geschaffen, an – oder in – denen wir tagtäglich unsere Stressphysiologie abreagieren, ausprobieren und mitunter auch überfordern. Ein leider vielen Menschen unmittelbar bekanntes Beispiel hierfür ist der Arbeitsplatz, unter Umständen auch Familie und Freundeskreis oder aber Umwelt-Noxen wie Lärm, Smog, Straßenverkehr und andere vergleichbare exogene Stressoren [1, 2, 6, 15-17]. Nun sei unbestritten – das Antilopen-Beispiel vor Augen –, dass Stress nicht nur normal, sondern auch sinnvoll ist, weil er uns zu besseren Leistungen befähigt und antreibt. Zu wenig Stress birgt die Gefahr von Langeweile und Unterforderung, was potenziell ebenfalls krank machen kann (vgl. Flow-Konzept von M. Csikszentmihalyi), doch zu viel Stress ist ebenfalls nicht gesund [2, 7-9, 18]. Und im Gegensatz zur Antilope haben wir Menschen dann doch eine entscheidende zusätzliche Fähigkeit erlangt: Nicht nur leben wir in zum Teil selbst verschuldeten „stressigen Zeiten“, sondern wir können uns unsere Feinde – den „Löwen“ – auch denken, ja immer und immer wieder vorstellen, uns stressige Situationen in unserer Phantasie ausmalen (oder im Fernsehen betrachten) und damit selbst kreieren, namentlich in unserem Geist (vgl. cognitive constipation [1]).

Stressmanagement

Was kann man nun tun? Stress, wie beschrieben, ist an sich nicht verkehrt. Er umgibt uns ohnehin, wir können uns ihm gar nicht entziehen und sollten uns ihm sogar gelegentlich aussetzen. Es sollte also mehr darum gehen, „gesund im Stress“ zu bleiben [2], d. h. mit Stress sinnvoll umgehen zu lernen oder uns eine gewisse Stressresistenz zuzulegen, einen Puffer, der zumindest die kumulative Stress-Gesamtdosis abfedert [1, 18, 19]. Die gute Nachricht dabei: Unsere kognitiven menschlichen Fähigkeiten, die uns an anderen Stellen ja mitunter Probleme bereiten können, sind hier unsere besten Helfer. So hat sich beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie – eine wesentliche Säule zahlreicher Mind-Body- bzw. integrativer Stressmanagement-Programme – als eine sinnvolle, effektive und praktikable Methode auch der Stressbewältigung etabliert. Unter Einbeziehung aktueller wissenschaftlicher Quellen kann man heute davon sprechen, dass ein medizinisch-therapeutisches Stressmanagement (unter Umständen mit professioneller Hilfe von außen erlernt und begleitet) auf dem intrinsisch-endogenen Potenzial einer physiologischen Stressreduktion aufbaut [20-25]. Ja, man könnte sogar behaupten, dass Stressmanagement dabei hilft, subjektive und individuelle Selbstheilungskapazität und physiologische Autoregulation gesundheitsförderlich auszuschöpfen [6, 25]. Dabei enthalten Stressmanagement- Techniken neben der bereits genannten Verhaltenstherapie meist Elemente aus den Bereichen

  • Entspannungstherapie,
  • physikalische Therapie (v.a. Bewegungstherapie),
  • soziale Unterstützung,
  • Ernährungstherapie und -beratung
  • und evtl. Spiritualität

Eine inhaltliche Nähe zur klassischen Naturheilkunde ist offensichtlich. Ähnlich der Ordnungstherapie, welche erst kürzlich wieder bei uns für die breite Medizin in Erinnerung gerufen wurde und sich teilweise zu etablieren beginnt [5], werden hier Selbstfürsorge, Eigenkapazität und Ressourcenorientierung als wichtige Bestandteile eines umfassenden therapeutischen Konzeptes in die Behandlung mit eingebunden. Für die genannten Bereiche liegen mittlerweile recht gute, zum Teil sogar sehr gute Evidenzen vor, was auch eine wesentliche Voraussetzung für die gegenwärtige „Renaissance der Erfahrungsheilkunde“ gewesen sein mag [2, 5, 6, 19, 21-23, 26-31].

Zurechnung zu verschiedenen Therapiezweigen

Im amerikanischen Sprachraum, wo derartige Elemente bzw. Strategien zur Behandlung oder Vermeidung stressassoziierter Krankheiten weitgehend anerkannt sind, wird dieser Therapiezweig der schon beschriebenen Mind-Body-Medizin zugerechnet [3]. Hierzulande dagegen, wie erwähnt, wird man häufiger noch von der Integrativen Medizin sprechen, wobei im Sinne auch einer Integrativen Gesundheitsförderung das Konzept eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuum zugrunde gelegt wird, das auf salutogenetischen, weniger auf pathogenetischen Aspekten und Erkenntnissen aufbaut. Dieses Konzept traut jedem Menschen prinzipiell zu, sich auf dem Kontinuum zwischen „krank“ und „gesund“ tendenziell dem Gesundheitspol – subjektiv oder objektiv – anzunähern (was leider und selbstverständlich auch andersherum funktioniert) [25]. Auf diese Weise werden zunächst so unterschiedlich erscheinende Pole wie Gesundheit/ Wellness und Krankheit/Illness inhaltlich und sinngemäß miteinander in Verbindung gebracht. Entscheidend ist dabei das physiologische autoregulative Selbsthilfepotenzial, das jedem Menschen innewohnt und auf körperlicher bzw. geistiger Ebene dem Stress und seinen Folgereaktionen entgegenwirkt. Dieses Potenzial lässt sich durch die genannten Stressmanagement- oder Mind-Body-Techniken gezielt anregen und aktiv trainieren.

Angewandte Gesundheitsförderung

Entspannungsverfahren

Ein wesentlicher Bestandteil fast aller Stressreduktions-Konzepte sind Entspannungsverfahren. Oftmals werden diese sogar, unter Vernachlässigung der eigentlichen integrativen Komponente, mit Stressmanagement gleichgesetzt. Das mag daran liegen, dass diese Verfahren mit am besten untersucht sind und schon intuitiv eine stresslösende Assoziation wecken. Mit Entspannungsverfahren im wissenschaftlichen Sinn sind Techniken gemeint, welche die sogenannte Entspannungsantwort (engl. relaxation response), also den physiologischen Gegenspieler der Stressantwort, auslösen. Am Beispiel der Entspannungsverfahren lässt sich experimentell und klinisch zeigen, wie auf physiologischer Ebene die Möglichkeit zur Stressminderung tatsächlich funktioniert, indem die hierfür biologisch vorgesehenen Gegenspieler aktiviert werden [19, 32, 33]. Diese Techniken lassen sich meist leicht erlernen, belohnen uns schnell mit Wohlgefühl und „Entspannung“ auf geistiger und körperlicher Ebene und sind in der Regel einfach und preiswert im Sinne eines alltäglichen Selbstfürsorge-Regimes fortzuführen [27, 34, 35]. Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit belegt [19], wobei im medizinischen Kontext die Vermeidung oder Bekämpfung kardiovaskulärer Erkrankungen (z.B. Hypertonie) und Risiken sicher im Vordergrund steht [18, 36].

Meditationstechniken

Zu den Entspannungsverfahren zählen auch verschiedene Meditationstechniken. Das Wort „Meditation“ (das übrigens, je nach Quelle, eine enge etymologische Beziehung zum Wort „Medizin“ aufzuweisen scheint) ruft bei uns allerdings noch oftmals Unverständnis oder Unbehagen und Abwehr hervor – vergleichbar im Übrigen mit dem Wort „Spiritualität“. Schaut man sich jedoch verschiedene Meditationstechniken genauer an, so findet man in vielen unterschiedlichen Kulturen erstaunliche Parallelen [32]. Es scheint fast so, als seien diese Rituale und Techniken, die prinzipiell das Potenzial haben, die gesundheitsförderliche Entspannungsantwort auszulösen, zielgerichtet in die kulturelle Evolution mit eingeflossen (und zwar unabhängig von der Region ihrer jeweiligen Entstehung oder dem eigentlichen Gehalt) – nicht zuletzt und möglicherweise aus dem einfachen Grund, dass sie eben gesund sind [32, 37]. Dieses ist jedoch eine spekulative Annahme. Und dennoch: Versucht man, den vermeintlichen Kern bzw. die Gemeinsamkeit (d. h. den gemeinsamen Nenner) verschiedener, teilweise völlig unterschiedlicher Meditationspraktiken zu ergründen, dann kommt man auf eine relativ einfache Meditationsanleitung (siehe Kasten). Entscheidend ist dabei die regelmäßige, wenn möglich tägliche Durchführung. Auf diese Art, d.h. mithilfe einer wissenschaftlich-reduktionistischen Sichtweise, hatte der Kardiologe Prof. Dr. Herbert Benson von der Harvard Medical School in den 1970er Jahren fast zufällig die relaxation response entdeckt [32]. Diese Entdeckung veränderte sein Leben und er gründete darauf – ein echter Pionier! – das Mind/Body Medical Institute an der Harvard Medical School.

Praktische Meditationsanleitung

  • Suchen Sie einen „sicheren“ und möglichst ungestörten Ort auf.
  • Machen Sie es sich bequem, aber schlafen Sie möglichst nicht ein („aufrechte Haltung“).
  • Überlegen Sie sich z.B. ein Wort, Bild, Geräusch oder eine Zahl als Bezugspunkt, d. h. einen Fokus, welcher für Sie eine neutrale oder positive (ggf. religiöse/spirituelle) Bedeutung hat.
  • Schließen Sie, wenn Sie mögen, die Augen.
  • Atmen Sie ruhig ein und aus, aber erzwingen Sie keinen bestimmten Atemrhythmus.
  • Sagen Sie zu sich selbst still beim Ausatmen Ihr Wort oder stellen Sie sich Ihr gewähltes Bild, Geräusch … vor.
  • In immer wiederkehrender Wiederholung dieses Vorgangs (möglichst ohne körperliche oder geistige Anstrengung/Aufregung) verbleiben Sie für 10 bis 20 Minuten.
  • Störende oder ablenkende Gedanken werden, wenn wahrgenommen, passiv ignoriert.
  • Nach Ablenkungen kehren Sie immer wieder zu Ihrem Atem und Fokus zurück.

Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen und Forschungsprojekten ist noch immer dabei, die genauen Mechanismen (bis hin zu Überträgerstoffen und Rezeptoren) der Entspannungsantwort zu ergründen. Es scheinen neben der den Stress oder die Sympathikusreaktivität mindernden Qualität auf molekularer Ebene v.a. autoregulative Stickstoffmonoxid-Signalpfade zu sein, die eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung des gesundheitsförderlichen Potenzials spielen [37-40]. Zusätzlich könnten Endocannabinoide und auch das erst jüngst entdeckte endogen gebildete Morphium von Bedeutung sein [25, 41]. Unabhängig jedoch von der Wirksamkeit und dem molekularen Nachweis der vermittelnden Mechanismen, ist es wichtig zu berücksichtigen, dass Entspannungsverfahren meist in Kombination mit anderen Stressmanagement-Techniken, das heißt als Teil eines komplexeren Therapieansatzes, praktiziert werden (z. B. in Präventionsprogrammen). In diesem integrativen Kontext werden sie zumeist auch getestet und bewertet. Und das Ergebnis bleibt eindeutig: Sie sind kostensparend, leicht anwendbar und integrieren eine aktive Selbsthilfe in den Heilungsprozess. Sie können nicht zuletzt aus diesem Grund oftmals eine sinnvolle Ergänzung (also komplementär und weniger alternativ) zur konventionellen Medizin sein.

Schlussfolgerungen und Ausblick

In die Behandlung oder bei der Vermeidung stressassoziierter Erkrankungen sollte nach Möglichkeit ein professionelles Stressmanagement einbezogen werden, so wie es in der Integrativen oder Mind-Body-Medizin Anwendung findet. Hierzu gehören auch Entspannungsverfahren. Zukünftige Studien können möglicherweise die therapeutische Bedeutung derartiger Verfahren weiter untermauern und zugrunde liegende Mechanismen genauer untersuchen. Sollen Stressmanagement-Elemente zusätzlich einen breiten Eingang in die Regelversorgung finden, ist es außerdem notwendig, die Indikationen weiter zu spezifizieren. Auch hierfür bedarf es noch weiterer Forschung und der dazugehörenden Mittel.

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Autor:

Prof. Dr. med. Tobias Esch

Leiter des Studiengangs Integrative Gesundheitsförderung, Hochschule Coburg
Research Associate, Neuroscience Research Institute, State University of New York

Hochschule Coburg

Friedrich-Streib-Str. 2
96450 Coburg

Tel. 09561.317372

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