Integrative Zahnheilkunde

Ganzheitliche Kieferorthopädie

Regulierung von Zahnfehlstellungen ohne Zwang und Zahnverlust

Von Jeannette Hagen

Ein strahlendes Lächeln mit gesunden, geraden Zähnen ist mehr denn je ein Schönheitsideal. Allerdings inzwischen ein recht gefährdetes. Bei fast jedem dritten Kind zeigt sich heute eine Kieferfehlstellung, die behandlungsbedürftig ist. Eine Tatsache, die Beachtung verdient, geht man davon aus, dass die  Stellung unserer Zähne über die reine Gebissfunktionalität hinaus den allgemeinen Gesundheitszustand unseres Körpers immens beeinflusst. Angewandte kieferorthopädische Maßnahmen dienen prinzipiell dem Ziel, Zahn- und Kieferfehlbildungen zu beheben, um eine ideale Verzahnung von Ober- und Unterkiefer (Okklusion) und damit eine – laut Definition – optimale Funktionalität des Gebisses herzustellen.

Soweit die Theorie, doch aktuell scheinen im Praxisalltag der modernen Kieferorthopädie  kosmetische und mechanische Standards eine zunehmende, wenn nicht sogar maßgebliche Rolle zu spielen. Um denen gerecht zu werden, kommt es häufig zu Zahnextraktionen gesunder Zähne – ein massiver und nicht rückgängig zu machender Eingriff, der eigentlich nur in ganz speziellen Fällen notwendig wäre. Wie es auch anders gehen kann, zeigt die ganzheitliche Kieferorthopädie. Sie reguliert meist mit losen Spangen ohne Zwang, kommt überwiegend ohne Zahnextraktionen aus und arbeitet im Einklang mit der individuellen konstitutionellen Situation des Patienten.

Behandlungsmöglichkeiten

Wird eine kieferorthopädische Behandlung empfohlen, kann sich der Patient zwischen zwei Behandlungswegen entscheiden, die sich vereinfacht wie folgt darstellen lassen: Die „klassische“, schulmedizinisch ausgerichtete Kieferorthopädie diagnostiziert anhand von Normwerten und arbeitet anschließend mit korrektiven Maßnahmen (Zahnextraktionen) und meist fest sitzenden Apparaten (Multi-Brackets) an der reinen Symptombehebung im Mund.

Im Gegensatz dazu betrachtet die ganzheitlich orientierte funktionelle Kieferorthopädie die Kiefer und Zähne nicht isoliert, sondern versteht sie als Teile eines funktionalen Gesamtsystems. Ganzheitlich arbeitende Kieferorthopäden orientieren sich in Diagnostik und Therapie an den gesunden Lebensvorgängen des Menschen. Sie führen eine umfangreiche Anamnese durch, nutzen die individuellen Heilungsressourcen, die in jedem von uns stecken und beziehen komplementäre Behandlungsmethoden in den Therapieverlauf mit ein.

Vererbt oder erworben?

Aus ganzheitlicher Sicht betrachtet, gelten 80 Prozent der Kieferfehlstellungen als erworben. Neben unseren modernen Essgewohnheiten kann eine Reihe von inneren und äußeren Faktoren die Dynamik der aufeinander abgestimmten inneren Kräfte, die an allen Wachstums- und Entwicklungsprozessen beteiligt sind, stören. Dadurch werden im Verlauf die Kieferausformung und die Zahnstellung beeinflusst.

Faktoren sind unter anderem: Veranlagung/Vererbung, Umwelt und Milieu, Mundfunktionen, Körperbewegung und –haltung, Psyche, Ernährung, Atmung, Sprache, Erkrankungen und Unfälle. Darüber hinaus können auch direkte äußere Einflüsse, wie eine ungünstige Lage des Embryos im Mutterleib, eine traumatische Geburt und Lutschgewohnheiten Kieferfehlstellungen begünstigen. Führt Kariesbefall zu einem frühzeitigen Verlust der Milchzähne, fehlen den nachwachsenden Zähnen die Orientierungspunkte oder ihnen fehlt der Platz – ebenfalls ein Wirkfaktor für Kieferfehlstellungen.

Manchmal spielen aber auch Einflüsse eine Rolle, denen wir gar keine oder zu wenig Beachtung schenken: Wächst ein Kind in einem Raucherhaushalt auf, ist es im Vergleich zu anderen Kindern wahrscheinlich häufiger erkältet. Ist die Nase nicht frei, hilft sich das Kind durch eine Mundatmung, die dann wiederum zu einem typischen Mundatmer-Gebiss führen kann, bei dem die volle

Ausbildung des Oberkiefers durch die tiefe Zungenlage gehemmt wird. Eine, durch Bewegungsmangel bedingt, schwach ausgebildete Muskulatur kann den gleichen Effekt haben, denn diese muskuläre Hypotonie lässt nicht nur den Körper erschlaffen, sondern natürlich auch unsere Gesichtsmuskulatur und Mimik. Oft geht eine lasche Körperhaltung mit einer kraftlosen oder gebremsten inneren psychischen Haltung Hand in Hand. Die Redensart „Keinen Biss haben“ bringt diesen Zusammenhang gut auf den Punkt.

Dass der Mundraum mit den Wangen, Kiefern, Zähnen, dem Gaumen und der Zunge von immenser Bedeutung für unser Wohlbefinden ist, scheint vielen Menschen noch nicht bewusst zu sein und doch entsteht diese enge Verknüpfung von Mund und Gesamtorganismus bereits im Mutterleib. Mit der Geburt verstärkt sich der wechselseitige Einfluss. Betroffen sind vielfältige Entwicklungsvorgänge wie Kommunikation, Sprache, Hand-Mund-Koordination, psychische Verarbeitung von Eindrücken sowie all unsere Grundfunktionen wie Atmung, Stoffwechsel, Abwehr, Verdauung, Bewegung und Haltung.

Prof. Dr. Dr. Balters widmete  diesen Zusammenhängen seine Forschungen in den 1950er Jahren. Er dokumentierte die enge Verflechtung bestimmter Entwicklungsstörungen oder körperlichen Beschwerden mit Zahnfehlstellungen. Damit gilt er heute als unbestrittener Pionier der ganzheitlichen Zahnheilkunde und insbesondere als Vater der ganzheitlichen Kieferorthopädie. Der von ihm stammende Satz: „Jedenfalls gibt es keinen Fall von (Zahn-) Anomalie, dessen Wurzel nicht im Seelischen Bereich liegt.“ eröffnet eine grundsätzlich andere Sichtweise auf die Problematik Kieferfehlstellung. Nach seinen Erfahrungen sind die Kiefer und Zähne als Teile eines Gesamtsystems zu verstehen, die einer andauernden Formgebung durch äußere und durch innere funktionelle Faktoren unterworfen sind.  Die sich demnach auch nicht nur durch massive äußere Kräfte, wie fest sitzende Spangen beeinflussen lassen.

Kieferfehlstellungen und Anomalien sind in seiner Lehre keine Krankheiten, die man isoliert diagnostizieren und behandeln kann. Vielmehr sind sie Auslöser, Mittel- oder Endglied in einer Verkettung mehr oder weniger stark ausgeprägter Störungen des gesamten Organismus.

Zahngesundheit und Essgewohnheiten

Forscht man nun nach den tieferen Ursachen für die heute so vielfach auftretenden Deformationen der Kiefer, lohnt es sich, die Forschungsarbeiten des Amerikaners Weston A. Price in die Betrachtungen einzubeziehen. Der Zahnarzt aus Cleveland begann in den 1930er Jahren eine Reihe einzigartiger Untersuchen, bei denen  es weniger darum ging, den allgemeinen Zahnverfall und die Kieferanomalien der verschiedenen Völker zu studieren und zu dokumentieren, als vielmehr, den Schlüssel für gesunde und gerade Zähne zu finden. Eine Herangehensweise, die sich heute in jedem ganzheitlichen Betrachtungskonzept widerspiegelt.

Sein ungewöhnlicher Weg führte ihn bis zu den isolierten Teilen dieser Welt und dort zu den von der westlichen Zivilisation völlig unberührten Kulturen. Bei den Naturvölkern fand er schließlich die Antwort auf seine Fragen und die Bestätigung seiner Annahme, dass Zahngesundheit und Ernährung in direktem Zusammenhang stehen. Die Lebens- und Essgewohnheiten der von uns als „primitive Völker“ bezeichneten Stämme gaben ihm Aufschluss darüber, dass die Art und Zubereitung der Kost den entscheidenden Einfluss auf die Mundgesundheit, die Gesamtkonstitution und die Psyche der Menschen haben.

In den Gebieten, wo sich die Naturvölker ausschließlich nach alter, traditioneller Weise (Primitivkost) ernähren, findet Price kaum Gebiss-Abweichungen oder Zahnverfall. Im Gegenteil: „Die isolierten Menschen, die Price fotografierte, stehen mit ihrem ausgezeichneten Körperbau, unproblematischer Fortpflanzung, emotionalen Stabilität und Freiheit von degenerativen Erkrankungen in scharfem Gegensatz zu zivilisierten Menschen, die sich von den 'unvollkommenen Nahrungsmitteln des modernen Handels', wie Zucker, Weißmehl, pasteurisierter Milch, fettreduzierten Produkten und Fertiggerichten voll von Füll- und Zusatzstoffen ernähren.“

Dort wo die Primitivkost aufgegeben und gegen Zivilisationskost eingetauscht wurde, zeigten sich Verengungen des Gesichtes durch engere Kieferknochen, Verkleinerung der Zahnbögen, Missbildungen und allgemeiner Zahnverfall.
Price’s Forschungsergebnisse gelten heute als anerkannte Tatsache. Damit kommen wir an der Wahrheit nicht vorbei, dass wir durch die Art, wie wir uns ernähren, die daraus resultierenden konstitutionellen und psychischen Veränderungen als Erbschaft von Generation zu Generation weitergeben.

Belegt haben das unter anderem auch die Studien über die Zahngesundheit in und nach Kriegsjahren von Stanislaus Pazurek. Er dokumentiert einen starken Rückgang von Zahnverfall in den Kriegsjahren und führt das direkt auf die zwangsweise erfolgte Ernährungsumstellung zurück. Zucker und andere denaturierte Lebensmittel waren Mangelware in Kriegsjahren. Durch unsere moderne Art der Ernährung werden Zähne und Kiefer zunehmend weniger gefordert. Unser Speiseplan enthält kaum noch kauintensive Nahrung wie Rohkost oder auch mal hartes Brot. Ein ganzheitlich arbeitender Kieferorthopäde bezieht dieses Wissen immer mit in die Behandlung ein und wird den Patienten bereits bei der Anamnese nach Essgewohnheiten und Nahrungszusammensetzung befragen und gegebenenfalls eine Ernährungsumstellung vorschlagen.

Ein Blick in die konventionelle Kieferorthopädie

Bei der Betrachtung der Vielzahl an Einflussgrößen wird schnell deutlich, dass ein Behandlungskonzept, welches sich an Vergleichsnormen ausrichtet, mechanisch korrigiert, dem Anspruch einer nachhaltigen Heilung nicht gerecht werden kann. Kurzfristige Behandlungsergebnisse täuschen oft genug darüber hinweg, dass längerfristig eine Symtombehebung nicht an die wahren Ursachen herangeht und damit in den meisten Fällen Folgeproblematiken auftreten.
Im schlimmsten Fall entstehen irreparable Folgeschäden.

Ein signifikantes Beispiel dafür ist die Behandlung von Zahnengständen – ein häufig auftretendes  Symptom, das sich vielfach bereits beim Durchbruch der bleibenden Zähne zeigt oder als Folgeerscheinung einer kieferorthopädischen Behandlung später im Erwachsenenalter auftritt. In der konventionellen Therapie bestimmt der Behandelnde die Größen- und Formverhältnisse von Zahnbögen und Kiefern mittels verschiedener Messungen an Modellen sowie Röntgenaufnahmen und vergleicht sie mit Durchschnittswerten. Ist der Kiefer, gemessen an diesen Werten, zu diesem Zeitpunkt zu eng, erfolgt eine korrektive Erweiterung entweder mit herausnehmbaren Geräten, wie Dehnplatten, Gesichtsbögen, Aktivatoren mit Nachstellschrauben oder man bringt festsitzende Apparaturen an.

Liegt die Kiefergröße weitab der Norm, z. B. wenn die Eckzähne oberhalb der Zahnreihe im Oberkiefer herauswachsen, werden andere Zähne entfernt (meist die kleinen Backenzähne, die Prämolaren, später als Folgetherapie oft noch die Weisheitszähne), um anschließend die verbleibenden Zähne mit einer fest angepassten Zahnspange, den so genannten Multibrackets, oder anderen mechanischen Hilfsmitteln in die richtige Position zu zwingen. Die (vereinfacht) dargestellte mechanische Methode birgt neben dem nicht rückgängig zu machenden Verlust gesunder Zahnsubstanz einige nennenswerte Risiken.

Die extensive  Einordnung der Zähne durch Druck- und Zugkräfte ist mitunter sehr schmerzhaft und führt in vielen Fällen zu einer Durchblutungsstörung des Kieferareals, was sich insgesamt negativ auf das gesamte Bindegewebe des Zahnhalteapparates auswirken kann. Was in der konventionellen Therapie häufig nicht berücksichtigt wird, ist, dass zum Zeitpunkt der Diagnose (meist zwischen dem achten und elften Lebensjahr) die Zähne zwar schon ihre bleibende Größe besitzen, der Kiefer sein Wachstum aber noch nicht abgeschlossen hat.

Und so kann es passieren, dass Zähne wegen angeblichen Platzmangels frühzeitig gezogen werden, der Kiefer aber später noch wächst, so dass unschöne Lücken zwischen den Zähnen entstehen, die dann meist wieder korrigiert werden müssen. Selbst wenn der Engstand nur die eine Seite eines Ober- oder Unterkiefer betrifft, werden in der Regel trotzdem alle vier Prämolaren entfernt, um die Symmetrien herzustellen.

Spätfolge kann unter anderem eine Veränderung der Gesichtsform sein. „Dishface“ (Tellergesicht) nennen die Amerikaner die Abflachung des Profils, die entstehen kann, wenn Zähne wegen Platzmangels gezogen werden und dieser Zahnverlust eine weitere Kieferverengung nach sich zieht. Am Ende passt der Kiefer in Größe und Form nicht mehr zum eigentlichen Gesicht. Diese gewissermaßen erzwungene Disharmonie zwischen Zahnbogen und Kiefergröße kann sich dann wiederum auf die gesamte Körperhaltung und Statik auswirken. Und so klagen Patienten, denen im Kindesalter die Prämolaren entfernt worden sind, als Erwachsene mitunter über Schmerzen oder Einschränkungen in den Kiefergelenken, im Schulter-, Nackenbereich, der Hals- und Lendenwirbelsäule oder in den Extremitäten.

Vor allen Dingen ist die Funktionalität des Gebisses, die sich aus der möglichen erneuten Verengung der Zahnbögen ergibt, meist eingeschränkt. Folgen sind oft weitere Störungen im Bereich der Atem- und Verdauungswege sowie Fehlhaltungen oder Fehlfunktionen der Körperbewegung und Statik. Ein oftmals schwer zu diagnostizierender und zu durchbrechender Teufelskreis.
Darüber hinaus werden Multibrackets auf die Zähne geklebt. Das macht die tägliche Zahnpflege deutlich schwieriger und aufwendiger. Und da Kinder in der Regel ihre Zähne nicht so ausgiebig und gründlich putzen wie Erwachsene, kommt es vor, dass sich an den Klebestellen der Brackets Karies bildet.

Körperstatik und Biss

Dr. Hubertus von Treuenfels behandelt seit 30 Jahren ausschließlich nach einem ganzheitlich funktionellen Konzept. Größe und Form unserer Kiefer sind für ihn nie „zufällig“. Seiner Ansicht nach „weiß“ jeder Zahn oder Wirbel nicht nur wo, sondern auch wie er im Kiefer oder innerhalb der Wirbelsäule seine Funktion einnehmen muss. Zähne herauszuziehen mit der Begründung Platz zu schaffen, wie es in der herkömmlichen Kieferorthopädie praktiziert wird, bedeutet für ihn nichts anderes, als eine weitere Störung und Disharmonie hinzuzufügen, der sich der Körper dann anpassen muss.

Jeder Zahn übernimmt mehrere Dienste im Mundraum und hat damit eine wichtige Aufgabe innerhalb des gesamten Systems. Neben seiner Rolle als Kau- oder Beißwerkzeug ist er vor allem in einer Stütz- und Haltefunktion an allen Mundaktivitäten wie Saugen, Kauen, Schlucken, Atmen, Sprechen und auch bei jeder mimischen Gebärde beteiligt. Zähne bilden unsere Laute mit.

Jeder einzelne Zahn stellt sich einzeln und in der Gesamtheit über die Okklusion (Verzahnung von Ober- und Unterkiefer) in den jeweiligen Kiefer ein. So bestimmt das Gebiss die Funktionalität der Kiefergelenke und wirkt sich damit direkt auf den gesamten Halte- und Stützapparat des Menschen aus. Genau wie sich die Veränderung der Statik (zum Beispiel ein Senkfuß) auf den Biss auswirken kann, beeinflusst umgekehrt der Biss ihre Statik. Aber Zähne und Gelenke sind nicht nur an der Führung von Haltung und Bewegung beteiligt. Sie lassen uns gleichermaßen Bewegungen und Haltung fühlen.

Im Bereich der Zahnwurzeln befinden sich Rezeptoren (Zellen zur Reizleitung), die bei jedem Zahnkontakt Informationen der entsprechenden Sinneswahrnehmung parallel zu den Reizmeldungen der Muskeln, Bänder und Gelenke an das Zentrale Nervensystem weiterleiten – die Basis einer gezielt gesteuerten Bewegung.

In der ganzheitlichen funktionellen Kieferorthopädie kommt gerade dieser Fühl- und Führungsrolle der Zähne, Muskeln und Kiefergelenke eine besondere Bedeutung zu, denn sie steuert letztendlich unsere Mundmotorik und damit alle Grundfunktionen, die über den Mund geschehen, wie Atmung, (Vor-)Verdauung und das Sprechen.

Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der ganzheitlichen Kieferorthopädie

Betrachtet man Diagnose- und Behandlungsmethoden der ganzheitlich ausgerichteten Kieferorthopädie, fällt auf, dass sie gerade der psycho-morphologischen und energetischen Bedeutung der Zähne eine besondere Stellung einräumt. So stehen zum Beispiel die Prämolaren mit der Bauchspeicheldrüse, dem Magen, der Milz, dem Dickdarm und der Lunge in einer fein abgestimmten energetischen Wechselbeziehung. Darüber hinaus hat jeder Zahn eine psycho-morphologische Bedeutung, das heißt, jeder Zahn wird durch ganzheitliches Verständnis in einem ihm entsprechenden seelischen Zusammenhang betrachtet.

So beschreiben beispielsweise Michèle Caffin in ihrem Buch „Was Zähne zeigen“ oder Dirk Schreckenbach in „Zahngeflüster“ sehr eindrucksvoll die Bedeutung der Prämolaren. Sie stehen in ihrem Konzept für unser Ich mit all seinen Sehnsüchten aber auch dafür, wie wir letztendlich unsere Pläne verwirklichen. Ein Verlust dieser Biss- und Stützpfeiler heißt auf psychischer Ebene die Schwächung des Individuums gegenüber dem kollektiven System oder einer Autorität.

Im Grunde kommt die Extraktion dieser Zähne einer Beschneidung unseres angelegten Potentials gleich. Humanmedizinisch betrachtet ist dieser Eingriff, wenn er aus rein gesundheitlichen Gründen nicht absolut notwendig ist, zu oft ein Fehlgriff, denn die Entfernung einer gesunden Körpersubstanz, die eine wichtige Stellung im Gesamtsystem des Patienten einnimmt, hinterlässt deutliche Spuren.

Die Diagnostik der ganzheitlichen Kieferorthopädie schließt immer auch den psychischen Zustand des Patienten mit ein. Um dieser inneren Programmierung auf die Spur zu kommen, benutzen viele ganzheitlich arbeitende Kieferorthopäden den so genannten Lüscher-Farbtest. Er verrät mit Hilfe von Farbkarten viel über den seelisch-körperlichen Zustand des Patienten. Die Methode gibt einen Einblick in verschiedene Teilaspekte einer Persönlichkeit, wie z. B. Stressverträglichkeit, Selbstbild oder Leistungskraft.

Die  Kenntnis dieser Sachverhalte ist für viele Behandelnde Grundlage für die Auswahl der optimalen Therapie. Es geht darum, die Tür finden, die der Patient offen hält und durch die man ihn dann abholen kann.  Jemand der stark nach außen orientiert ist und Schwierigkeiten hat, Ziele zu formulieren, und seine Handlungen von außen bestimmen lässt, wird sich für andere Farben entscheiden, als eine Person, die selbst bestimmt nach eigenen Werten handelt. Auf das Zahnbild übertragen, zeigt sich das meistens in einer abweichenden Lage des Unterkiefers zum Oberkiefer.

Die Bionator-Therapie

Eines der wichtigsten Behandlungsgeräte im Rahmen einer ganzheitlich orientierten kieferorthopädischen Behandlung ist der Bionator, einer Art Zahnspange, bestehend aus einem Kunststoffgestell, einem Lippen-Wangen-Bogen und einem Zungenbügel aus Edelstahl. Dieses lose im Mund liegende Gerät löst ohne Gewalt und Zwang eine selbsttätige Umformung des Kiefers aus. Doch nicht nur das.

Eine Bionator-Therapie erfasst den Mensch in seiner Gesamtheit. Dabei wirkt der Apparat quasi als Moderator zwischen dem Gebiss und der Wirbelsäule, wobei er sanft die formenden Kräfte mobilisiert und steuert. Dadurch, dass der Bionator lose im Mund gehalten wird, bewegt wird und sich passiv mitbewegt, kommt es zu einer Aufrichtung der Mund-Raum-Funktionen in allen Ebenen. Dabei werden die Zähne nicht durch äußere Kräfte in die richtige Stellung gedrückt, sondern es erfolgen gezielte Reizsetzungen, die die Zähne in ihre angelegte Position wandern lassen.

So wird der Unterkiefer in die richtige Lage gebracht, die Zunge kommt automatisch in die richtige Position, was wiederum die Zungenfunktion normalisiert. Eine veränderte  Zungenfunktion ermöglicht eine Wachstumssteigerung des Oberkiefers. Damit stellen sich auch die Zähne von selbst korrekt um. Die neue Bisslage führt zu einer allgemeinen Entspannung der umgebenden Weichteile, zu einer besseren Durchblutung, aus einer Mundatmung wird eine Nasenatmung.

Der Nasen-, Rachenraum wird wieder besser belüftet, was einen positiven Einfluss auf den Stoffwechsel hat. (Nähere Informationen finden Sie im Internet unter www.bionator.de) Reicht die Reizsetzung des Bionators z. B. für eine Lückenöffnung nicht aus, kommt die ebenfalls herausnehmbare Crozat-Apparatur zum Einsatz. Dies ist im Grunde ein elastisches skelettiertes Mechanikgerät, das, neben der Verstärkung der Mundraumentwicklung, zusätzlich die Einzelzahnbewegung unterstützt.

Sowohl Bionator- als auch Crozat-Geräte eignen sich für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel drei bis vier Jahre, je nach Ausprägung der Fehlstellung. Beide Behandlungsmethoden kann man kombinieren und/oder durch verschiedene Begleittherapien ergänzen. Die Neurofunktionelle Reorganisation nach Beatriz Padovan z. B. zielt auf eine funktionelle Wiederherstellung bzw. Neuordnung des Zentralen Nervensystems.

Dabei werden genetisch festgelegte Bewegungsmuster vom Rollen bis zum aufrechten Gang und vom Saugen und Kauen bis zum gesprochenen Wort geübt oder wieder umgelernt. So holt der Patient eventuell versäumte Entwicklungs- und Reifungsschritte nach oder festigt sie. Das ist die Basis für die Funktionalisierung der Grundfunktionen und damit für die vollständige Aufrichtung des Menschen. Weitere Begleittherapien sind: Lymphdrainage, Osteopathie, Homöopathie, Myofunktionelle Therapie, Manuelle Therapie, Magnetfeldtherapie und Myofunktionelle Therapie zum Ausgleich der muskulären Funktionen im Mund- und Gesichtsbereich.

Resümee

Der Begriff Orthopädie kommt ursprünglich aus dem Griechischen und verbindet die Wörter „aufrecht“ (orthos) und „erziehen“ (paideuein). In der ganzheitlichen Kieferorthopädie ist diese Bedeutung Programm. Da geht es nicht nur um Lutschbiss, Engstand oder Rückbiss. Da geht es darum, über den Mund die gesamte innere Aufrichtung des Patienten durch geeignete Maßnahmen zu begleiten sowie Ausgleich und Harmonie zu schaffen, damit der Patient aus eigener Kraft innerlich „gerade“ werden kann, zurück zu seiner Mitte findet und mit dieser inneren Haltung der Umwelt aufrecht gegenübertritt.

Trotz der vielen Vorteilen des ganzheitlich orientierten Behandlungskonzeptes ist es dennoch nicht für jeden Patienten und jeden Fall geeignet. Manchmal ist der Einsatz von fest sitzenden Apparaten äußerst sinnvoll und auch notwendig. Beispielsweise wenn die Selbstheilungskräfte des Patienten für eine Regulation nicht mehr ausreichen, wenn Zähne gedreht werden müssen oder lose im Mund liegende Spangen eben einfach nicht getragen werden oder nicht getragen werden können. Da der Mensch mit allen seinen Anteilen, Voraussetzungen und Ansichten im Mittelpunkt der Behandlung steht, kommt ihm auch die tragende Rolle in der Heilung zu. Ein Patient, der die Verantwortung abgibt und sein Problem von außen gelöst haben will, der findet in einer ganzheitlich orientierten Praxis nicht das, wonach er sucht.

Ganzheitlich bedeutet gerade in der Kieferorthopädie, Gelebtes und Erlebtes, innere und äußere Haltung, Lebens- und Alltagsgewohnheiten einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Sobald der Patient eine echte Bereitschaft zur Wandlung zeigt, ist ein dauerhafter Therapieerfolg ohne Zwang und Zahnverlust möglich. Dann kann der Patient im wahrsten Sinne des Wortes der Welt die Zähne zeigen.

Autorin:

Jeannette Hagen

Journalistin, Berlin