Integrative Zahnheilkunde

Nachhaltigkeit als Zielparameter von Semiotik der Salutogenese

Von Heinz Spranger

Alle hohen Werte, auch Gesundheit, haben ein spezielles Design, durch das sie charakterisiert werden. Das Gesundheitsverständnis der Traditionellen Europäischen Medizin hat sich seit der Antike von einem spirituellen Geschenk über eine emotional gewichtete Abwesenheit von Seuchenkatastrophen hin zur naturwissenschaftlich geprägten heilberuflichen Kompetenz als erfolgreiche Bekämpfung von Krankheiten entwickelt. In den letzten Jahrzehnten ist der Bereich wissenschaftlicher Arbeit und Handlungskompetenz der ärztlichen Tätigkeiten zu Krankheit und Gesundheit in einen Paradigmenwechsel vom biomedizinischen zum bio-psycho-sozialen Modell gestürzt. Das daraus resultierende Umdenken hat zur Entwicklung des Lebensentwurfs- und Lebensweisen-Konzeptes und einem veränderten Gesundheitsverständnis unter Beachtung der Lebensstile geführt. Gesundheitsförderung wird neu gesehen und stärker gewichtet. Die Einsicht, dass Lebensstile Gesundheitsstadien diversifizieren, ist heute anerkannte Grundlage jeder heilberuflichen Handlungsbegleitung und ärztlichen Behandlungsführung.

Begrifflichkeit „Nachhaltigkeit“

Nachhaltigkeitswissenschaft ist eine neue angewandte Wissenschaft, die sich mit der Forschung und Umsetzung von Nachhaltigkeit, nachhaltiger Entwicklung und Nachhaltigkeitsstrategien auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene und in Praxisfeldern (Unternehmen, Bildung etc.) beschäftigt.

Der Wissenschaft kommt für die Praxis der Nachhaltigkeit im Sinne der Praxis des Prinzips „Verantwortung“ eine ganz entscheidende Rolle zu. Wissenschaft im Dienst nachhaltiger Entwicklung wird und kann dabei nicht durch kontinuierliche Veränderungen der neuen Anforderungen gerecht werden. Hiermit verbunden ist die Notwendigkeit für einen Paradigmenwechsel, auch im Sinne der Entwicklung neuer Wissenschaftsdisziplinen - wie z. B. dies in der International Academy of Science diskutiert wird. Die Sustainability Science ist ein Ergebnis des lange geforderten Paradigmenwechsels. Nachhaltigkeitswissenschaft ist somit die Wissenschaft im Dienst nachhaltiger Entwicklung – wobei alle Wissenschaften Mitverantwortung für die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung tragen.

Bei der Nachhaltigkeit handelt es sich um eine normative Wissenschaft. Ein Ziel ist die wissenschaftliche Fundierung nachhaltiger Praxis und Handelns. Es gilt wissenschaftlich zu fundieren „was sein sollte“. Nachhaltigkeitswissenschaft ist multi- und transdisziplinär ausgerichtet. Nachhaltige Entwicklung übersteigt bei weitem das Potential einer einzelnen wissenschaftlichen Disziplin. Nachhaltigkeitswissenschaft ist primär praktisch ausgerichtet. Ziel ist die Lösung existentieller Probleme der Weltgesellschaft und des Lebenssystems Erde. In der Praxis geht es um das Management von Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung.

Die Entstehung der Nachhaltigkeitswissenschaften ist nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, die sich mit der Global Change und Nachhaltigkeitsforschung beschäftigen, heute immer gezwungen sind, Aussagen außerhalb ihrer angestammten Fachgrenzen zu treffen.

Nachhaltigkeit ist im Zusammenhang mit Gesundheitswissenschaft zeichentypisch:

1. Gesundheitswissenschaften sind dann nachhaltig, wenn sie die aktuell gültigen wissenschaftlichen medizinischen Prinzipien mit den Paradigmen auf der Grundlage der modernen Physiologie und deren verwandten Wissenschaften konjugieren, um somit die Möglichkeiten zukünftiger medizinischer Weiterentwicklung zu unterhalten und zu fördern.

2. Ein Grundprinzip der Nachhaltigkeit besteht in der Förderung der Ressourcenproduktivität durch intelligentes Nutzen derer Weiterentwicklung.

3. Die Vernetzung medizinischer Paradigmen verschiedener Provenienzen ist ein konstitutives Merkmal „Nachhaltiger Gesundheitswissenschaften“ und die Förderung praktischer Tätigkeitserweiterungen ist Voraussetzung für paradigmenübergreifende Synergien medizinischer Disziplinen unter ärztlicher Kompetenz.

4. Die Bereicherung verfügbarer medizinischer Diversitäten erfolgt durch Paradigmenerweiterung

5. „Nachhaltige Gesundheitswissenschaften“ befassen sich mit der Forschung und Umsetzung von Nachhaltigkeit unter fachbezogenen Aspekten, nachhaltiger Entwicklung und Nachhaltigkeitsstrategien medizinischer Methoden unterschiedlicher Provenienzen und Paradigmen, und in Praxisfeldern.

6. Ein wesentlicher wissenschaftlicher Verantwortungsbereich liegt für die Praxis der „Nachhaltigen Gesundheitswissenschaften“ in der Progredienz von Wissenschaft und Forschung. Diese darf sich nicht mit kontinuierlichen Veränderungen möglicher ebenso kontinuierlicher neuer Anforderungen begnügen, sondern erfordert auch die Vorbereitung bzw. Vollzug und Anerkennung von Paradigmenwechsel, auch im Sinne der Entwicklung neuer Wissenschaftsdisziplinen, wie dies z. B. in der International Academy of Science diskutiert wird. „Nachhaltige Gesundheitswissenschaften“ sind somit Wissenschaften im Dienst nachhaltiger Entwicklungen im medizinischen Gesundheitsverständnis – wobei alle hiermit jungierten Wissenschaften Mitverantwortung für die Umsetzung deren nachhaltigen Entwicklung tragen.

7. Bei der Nachhaltigkeit handelt es sich um eine normative Wissenschaft, daher ist das Ziel der „Nachhaltigen Gesundheitswissenschaften“ die wissenschaftliche Fundierung nachhaltiger medizinischer Theorien bei dementsprechenden Tätigkeitserweiterungen. Dies muss sämtliche Paradigmen einschließlich deren Wechsel miterfassen. Es gilt wissenschaftlich zu fundieren „was sein sollte“.

8. Nachhaltigkeitswissenschaft ist multi- und transdisziplinär ausgerichtet. Nachhaltige Entwicklung übersteigt bei weitem das Potential einer einzelnen wissenschaftlichen Disziplin. Dies gilt entsprechend auch für die „Nachhaltigen Gesundheitswissenschaften“.

9. „Nachhaltige Gesundheitswissenschaften“ sind theoretisch ausgerichtet bei untrennbarer praktischer Tätigkeitserweiterung. Ziel ist die Konjunktion aktuell gültiger wissenschaftlicher medizinischer Prinzipien mit den Paradigmen auf der Grundlage der modernen Physik, um somit die Möglichkeiten zukünftiger medizinischer Weiterentwicklung zu unterhalten und zu fördern.

Gesundheitsförderung

Zum Paradigmenwechsel (unserem Umdenken) gehört, dass die vorrangig geförderten Krankenbehandlungssysteme sowohl auf ihre Akutphasen konzentriert, als auch in ihren heilberuflich geprägten Abläufen straffer unter ärztlicher Behandlungsführung gestaltet werden. Dazu gehört aber ebenso, dass konventionelle Formen des salutogenetischen Verständnisses in Lebenswelten (das sog. Setting of life-world designs) um traditionelle und komplexe komplementäre Anschauungen erweitert werden. Die sich daraus ergebende integrative Form der Gesundheitsförderung befindet sich in der Definitionsphase der Gesundheitswissenschaften. Gemeinsames Merkmal naturwissenschaftlicher Disziplinen ist ihre Aufbaustruktur, die zunächst von einer Stammkompetenz durch ständige zeitgerechte Erweiterungen zu einer Verbreiterung kommt, um eine neue Konvention zu begründen. In den meisten Fällen folgt daraus eine evaluationsfähige Konstruktion, die von Forschung und Entwicklung in die praktische Umsetzung führt.

Die nationalen und internationalen Empfehlungen dazu haben im Kern gemeinsam:

  • dass Gesundheit ganzheitlich, also mit ihrer körperlichen, psychischen und sozialen Komponente gesehen wird [Hommel 2008];
  • dass die einzelnen Elemente von Prävention und Protektion in einer starken Interdependenz zueinander stehen und daher nicht einzeln die gewünschte Wirksamkeit entfalten können;
  • dass Gesundheitsförderung in das gesamte soziale, ökologische und infrastrukturelle Umweltgeschehen eingebettet sein muss;
  • dass effektive Gesundheitsförderung Selbstbestimmung, Emanzipation und auch Persönlichkeitsentfaltung des Individuums voraussetzt [vgl. Neuhaus 2005, Stiftung Kathy Beys].

Die Salutogenese von Aaron Antonovsky

In der Psychologie des Jugendalters spielt die Frühförderung, die durch das Elternhaus geprägt ist, eine tragende Rolle. Als gedankliche Grundlage der Zusammenarbeit mit den Eltern im Rahmen der Frühförderung erscheint es sinnvoll, anzuerkennen, dass die Eltern durch ihr Kind in herausfordernde Lebensumstände geraten, die notwendigerweise bearbeitet werden müssen, und zwar so, dass ihre Handlungsfähigkeit und ihr psychisches Wohlbefinden erhalten werden kann. Die Erfahrung zeigt, dass Eltern – neben dem Erleben von Belastung – auch Kompetenzen entwickeln, solche Herausforderungen anzunehmen und anzugehen. [E.Spranger 1924]

Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so stößt man auf das Denkmodell der „Salutogenese“, das in den 1970er Jahren vom israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky begründet wurde [Franke 1997]. Aaron Antonovsky (1923-1994) war ein amerikanischer Medizinsoziologe, der 1960 nach Israel, Jerusalem, emigrierte, dort lehrte und wissenschaftlich tätig war. Unter anderem beschäftigte er sich mit ethnischen Unterschieden in der Verarbeitung der Menopause bei israelischen Frauen. Unter ihnen waren auch Frauen, die in Konzentrationslagern überlebt hatten und es dennoch geschafft hatten, psychisch gesund zu bleiben und sich in Israel ein neues Leben aufzubauen. Dieses empfand er als Wunder und begann dieses Wunder, das Wunder des Gesundbleibens, zu erforschen.

Im Unterschied zum Denkmodell der Pathogenese („Was macht uns krank“) forschte Antonovsky nach Faktoren und Wirkzusammenhängen, die das Gesundbleiben (im Sinne körperlicher und seelischer Gesundheit, aber auch Handlungsfähigkeit) trotz herausfordernder Lebensumstände ermöglichen. Aus dem Denkmodell der Pathogenese stammt die Erforschung von Risikofaktoren für die Entwicklung und deren Kumulationseffekten. Das Denkmodell der Salutogenese (Was hilft uns gesund zu bleiben) lenkt den Blick auf „protektive Faktoren“ oder „Schutzfaktoren“. Damit sind zum einen personale Fähigkeiten, aber auch soziale Gegebenheiten sowie deren Zusammenspiel gemeint. Für die positiven Auswirkungen der protektiven Faktoren wurde im englischen Sprachgebrauch der Begriff „resiliency“ eingeführt, der ins deutsche zunächst mit „psychischer Widerstandsfähigkeit“ übersetzt wurde und mittlerweile auch als „Resilienz“ eingebürgert ist. Sie ist unabhängig vom Lebensalter [Spranger 2003].

Salutogenesekonzept als Design

Pathogenese beschäftigt sich mit der Ursache und Prävention von Krankheiten. Sie teilt ein in „krank" und „gesund". Salutogenese ist semiotisch zu öffnen: Gesundheit und Krankheit ist keine Dichotomie, sondern ein Kontinuum: Krankheit ist kein außergewöhnliches. Jeder Mensch ist zum Teil gesund und zum Teil krank, der eine mehr der andere weniger. Es bedarf der Beschäftigung mit semiotischen Komponenten, die dazu beitragen, dass man sich auf die Gesundheitsseite des Kontinuums hinzubewegt oder zumindest auf seiner Position bleibt.

Als Vorwurf an die pathogenetisch orientierte Medizin gilt herkömmlich: Durch Spezialisierung ginge der Blick für das Gesamte (aber nicht damit der Holismus) verloren. Das bedeutet nicht, dass die so argumentierenden Autoren gegen Spezialistentum sind. Sie möchten sie nur ergänzt wissen.

Salutogenese geht im Gegensatz zur Pathogenese davon aus, dass Stressoren nicht pathogenetisch sein müssen. Man kann ihnen nicht ausweichen, da Heterostase und Unordnung Charakteristika unseres Lebens sind. Vielmehr muss man versuchen, sich der Umgebung anzupassen [Spranger 2007].

Hierbei ist das Konzept des Kohärenzgefühls von großer Bedeutung.

Der ‚Sense of Coherence’ (SOC) ist eine Lebenseinstellung, die auf drei Komponenten beruht:

  • Verstehbarkeit: Ausmaß, in welchem man interne und externe Stimuli als kognitiv sinnhaft wahrnimmt, als geordnete, strukturierte und vorhersehbare und erklärbare Ereignisse (und nicht als chaotisches, unerklärliches und willkürliches Schicksal)
  • Handhabbarkeit: Man erkennt, dass einem Ressourcen zur Verfügung stehen, mit deren Hilfe man Probleme bewältigen kann. Ressourcen können aus einem Selbst oder von anderen kommen. Keine Opferrolle, kein Fatalismus.
  • Bedeutsamkeit: Die vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen sind es wert, gemeistert zu werden, oder zumindest ein Teil davon. Unglückliche Erfahrungen als Herausforderungen. Motivation!

Erfolgreiches Coping hängt vom SOC als Ganzem ab. Der kulturelle, historische, gesellschaftliche, familiäre und individuelle Hintergrund, aber auch der Zufall schaffen generalisierte Widerstandsressourcen wie materielle Vorteile, Wissen und Intelligenz, Selbstbewusstsein, Coping-Strategien, kulturelle Stabilität, ein Weltbild und einen Glauben, soziale Einbindung, einen gesunden Lebensstil, Engagement. Aus diesen Ressourcen resultieren Lebenserfahrungen, die durch Konsistenz, Partizipation an der Gestaltung von Ergebnissen und einer Balance zwischen Überlastung und Unterforderung geprägt sind. Diese Lebenserfahrungen sind entscheidend für die Stärke des SOC. Das Ausbleiben von Ressourcen wird als generalisiertes Widerstanddefizit bezeichnet und wirkt sich negativ auf die Lebenserfahrungen sowie den SOC aus.

Wenn etwas nicht in den individuellen Interessenbereich fällt, muss es nicht mit dem SOC in Verbindung stehen. Gewisse Dinge sind jedoch für jeden wichtig (Trauererfahrung, Tod, enge persönliche Beziehungen, eigene Emotionen). Der SOC hat, entsprechend dem Prinzip des Archimedes, drei Seiten: eine rigide, die impliziert, alles verstehen und handhaben zu können, eine zart-emotionale, bei der Langeweile zum Stressor wird und eine stringente, die alle Probleme als lösbar erscheinen lässt. Letztere steht im Gegensatz zur Realität, in der das nicht der Fall ist. Der resultierende Stressor ist Enttäuschung. Der SOC ist wenig flexibel. Wenn die Umgebung sich ändert, stimmen die Voraussetzungen und Antworten nicht mehr. Insofern ist Salutogenese eine Formvariable mit einem Schwerpunkt, der zu finden sein muss. Ebenso wie der Schwerpunkt auf einer Fläche oder in einem Körper errechnet oder geometrisch ermittelt werden kann, muss der Salutogenese Suchende seine eigenen Ressourcen konsequent verknüpfen, um das individuelle Maximum zu erkennen.

Stressoren haben eine instrumentale und eine emotionale Seite. Stressoren sind und bleiben auch für das Individuum Herausforderungen, für die es keine unmittelbar verfügbaren oder automatisch verfügbaren adaptiven Reaktionen gibt. Sie erzeugen Spannungen. Sie können chronisch, akut und intensiv (wichtige Lebensereignisse) oder akut und nur von geringer Bedeutung sein („tägliche Widrigkeiten"). Sie können positiv oder negativ sein.

Das Individuum soll Stressoren selbst bewerten lernen. Die vorrangige Bewertung geht mit ihrer Erkennung einher: Stressoren werden als solche auf ihre Bedeutsamkeit untersucht: Personen mit hohem SOC empfinden bestimmte Ereignisse nicht als Stressoren oder als starke Stressoren, weil sie sie einordnen und bewältigen können. Derselbe Stressor kann unterschiedliche Emotionen auslösen. Größere Probleme können in dieser Phase nicht ausgefiltert werden. Es gibt eine sekundäre Bewertung: Für den Stressor muss hiermit eine passende coping-Strategie gefunden und angewendet werden. Personen mit hohem SOC haben ein sinnhafteres Verständnis für das Problem und sind motiviert, es zu bewältigen. Sie suchen zielgerichtet nach den Ressourcen, mit denen sie das Problem lösen können. Personen mit einem schwachen SOC haben angesichts eines Problems diffusere Gefühle und können nicht so systematisch auf Ressourcen zurückgreifen (Verzweiflung, Fatalismus - geringere Motivation).

Eine Einstellung gegenüber der Welt, in der Stimuli als bedeutsam, verstehbar und handhabbar gesehen werden, liefert die motivationale und kognitive Basis für Verhalten, mit dem von Stressoren gestellte Probleme wahrscheinlicher gelöst werden können als eine, die die Welt als beschwerlich, chaotisch und überwältigend ansieht. Die begleitenden Mittel und Maßnahmen der ärztlichen und nicht-ärztlichen Heilberufler sind Zuwendungsmethoden und –techniken, die gezielt angesetzt werden [Spranger 2008].

Personen mit einem starken SOC sind nicht so sehr gesundheitsschädigendem Verhalten wie Genussmittelkonsum und exzessiver Polipragmasie ausgesetzt, da sie nicht so sehr unter Stress leiden, wie Menschen mit einem schwachen SOC. Auch scheinen sie motivierter, durch regelmäßige Konsultation von Heilberuflern, definierte Schwächen und Krankheiten besser behandeln zu lassen. Antonovsky greift auf verschiedene Modelle der Psychoneuroimmunologie zu. Der Organismus kann ihm zufolge durch Stressoren aus dem Gleichgewicht gebracht werden, besonders wenn diese intensiv und von langer Dauer sind.

So kommen auf den Salutogenese Suchenden drei verantwortlich zu lösende Verlangen zu.

Das primäre Verlangen ist das nach der Position auf den Determinanten Gesundheit-Krankheit.

Das sekundäre Verlangen bedeutet, individuelle Ressourcen zu ergründen, oder aber aus der Ermittlung der persönlichen Schwerpunkte in Lebensentwurf und Lebensstil abzuleiten.

Das dritte und letzte Verlangen ist endlich, Kohärenzen in der kognitiven und emotionalen Mitte des (Er-)Lebens entdecken zu lernen, um sie zu fördern um danach ihnen zu folgen.

Diese drei Verlangen sind komplex. Komplexität ist salutogenetisch und pathogenetisch weder allein ätiologisch homogen, noch heterogen, sondern musterhaft. Muster wiederum sind Merkmale von Engrammen, sodass sie relativen Wiedererkennungswert halten. Mit ihnen ist die gesamte kognitive Erfassung von Evidenz möglich.

Dabei werden mit großer Sicherheit auch Konsequenzen deutlich, die auf die Pathogenese Einfluss haben und deren Erforschung vertiefen helfen. In Deutschland gibt es dafür zwei Beispiele, die dem Autoren exemplarisch erscheinen: So hat die Gruppe um den Berliner Pathologen Prof. Dr. Versé 1923 an solitären Metastasen als ‚doppelte Primärcarcinome’ im Sinne eines Holismus geforscht [Spranger 1923]. Eine neue Publikation beschreibt weiterhin die Aneuploidie als onkologische Kausalität [Duesberg 1998].

Literatur:

Duesberg, P.H.
Genetic instability of cancer cells is proportional to their degree of aneuploidy.
Proceedings of the National Academy of Sciences (1998) 95: 13692-13697

Franke, A. (Hsgb.)
Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Aaron Antonovsky. DGVT-Verlag, Tübingen 1997. ISBN: 3-87159136-5

Hommel, H.
Propädeutik der Komplementärmedizin: Bio-psycho-soziales Modell in Komplementärer und Integrativer Biologie und Medizin.
Grin Verlag 2008 Archivnummer: V114304 ISBN-13: 978-3-640-14521-8.

Hommel, H.
Propädeutik der Komplementärmedizin.
Grin Verlag 2008 ISBN-10: 3-640-146700

Neuhaus-Präsentationen
Liechtenstein Aachener Stiftung Kathy Beys.
www.nachhaltigkeit.info
abgefragt 25.10.2005

Spranger Heinz (sen.)
Über einen besonders bemerkenswerten Fall von doppeltem Primärcarcinom.
In: Habilitation Med Fak Charité Klinikum Westend.
J Cancer Res Clin Oncology (1923) 20; 243-249. ISSN: 0171-5216

Spranger, Eduard
Psychologie des Jugendalters.
2.Aufl. Quelle & Meyer, Leipzig 1924

Spranger, H.
Altern als Wiege neuer Gesundheit - Elderly Care.
CO’MED (2004) 10; Heft 07: 38-43

Spranger, H.
Physiologie in der Regulationsmedizin – Aus der Theorie der biosemiotischen Medizin.
In: Leiner, D. (Hsgb.): Regulationsmedizin in Theorie und Praxis. Band 2. 295-329. Med Lit Verlagsgesellschaft, Uelzen 2007. ISBN: 978-3-88136-242-9

Spranger, H. (Hsgb.), Blachnik, St. & Hommel, H.R.
Das Medizinische Gesundheitsdesign. Biosemiotik, Regulationsphysiologie, Salutogenese.
Edition CO’MED, Hochheim 2007. ISBN: 978-3-934672-21-5

Spranger, H.
Praxis einer neuen medizinischen Zuwendung. Aufgabe und Leistungen der ‚Fachkraft Salutogenese’.
CO’MED (2008) 14; Heft; 06:116-120

Autor:

Dr. mult. Heinz Spranger, Univ-Prof. a. D.

Mühlenstr. 1
26906 Dersum

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Fax: 04963.9140005

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