Integrative Zahnheilkunde

Au Backe!

"Ei, guten Tag, mein lieber Kracke, nehmt Platz! Was ist denn mit der Backe?"
Titelbild: Schule "Au Backe!"

Dem Zahnschmerz begegnen – individuell und Pulpa erhaltend

Von Roland Schule

Einleitung

In Deutschland wurden im Jahr 2000 etwa 4.677.000 Vitalextirpationen durchgeführt. Von 1970 bis 2000 stieg die Anzahl der Wurzelkanalfüllungen in den alten Bundesländern um ca. 53 %. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Extraktionen um 48 % [KZBV-Jahrbuch 1]. Das Anspruchsdenken unserer Patienten und auch die handwerklich-technischen Möglichkeiten der Behandler führen immer häufiger zu Zahnerhaltung durch enodontische Therapie als noch vor 20 oder 30 Jahren. Der Vorteil für die Patienten liegt eindeutig in mehr Kaukomfort und deutlich späterem totalem Zahnersatz, doch zu welchem Preis?

Aus naturheilkundlicher Sicht wird die Zahnerhaltung mittels Wurzelfüllung sehr kritisch bewertet. Die konsequente Alternative wäre eine verbesserte Vitalerhaltung der Pulpa oder eine geringere Schwelle zur Extraktion.

 

 

Abb.1: Mesenchym
Mesenchym

Schmerzen sind, allgemein betrachtet, in erster Linie physiologische Zeichen des Organismus. Sie melden Gefahr bei drohenden Gewebeschäden oder weisen auf thermische oder physikalische Überlastungen hin. Werden diese Symptome überhört oder missachtet, kommt es zu weiteren Traumatisierung und eventuell zu Nekrosen in regionären Bereichen. In der nach oben offenen Schmerzskala rangieren „Zahnschmerzen“ weit oben.

Die entzündlich veränderte Pulpa (Zahnmark) produziert kolikartige Schmerzen im geschlossenen Mantel der Zahnhartsubstanz, wie sie nur noch von Nierenbeckenentzündungen und Schmerzen bei der Wehentätigkeit übertroffen werden. Die vorliegende Gewebesituation im Inneren eins Zahnes lässt sich sehr gut mit dem Modell der Grundregulation nach PISCHINGER und HEINE [2] vergleichen. Die Pulpa ist mesenchymalen Ursprungs, beherbergt alle Versorgungsleistungen zum Aufbau und Stoffwechsel des Zahnes und gilt als Endpunkt von sensorischen Nervenbahnen. Die physiologischen Abläufe einer Entzündung finden hier ihre klassische Kaskade von ineinander laufenden Zuständen wieder.

Für die klinische Zahnheilkunde gilt nur ein schmaler Bereich von therapeutischen Möglichkeiten – die Behandlung der „caries profunda“ und die Injektion zu Heilzwecken. Letztere wurde leider aus dem Behandlungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen (BEMA) gestrichen. Nach meiner Einschätzung wird viel zu schnell die Vitalextirpation der Pulpa, als  „ultima ratio“ eines therapeutischen Optimums eingesetzt.

Möglichkeiten in der Homöopathie – Bedingungen zur Behandlung von akuten Erkrankungen

Denkweise und Verständnis von Krankheit und Heilung als Prozesse der individuellen Lebenskraft lassen dem/der homöopathisch tätigen Zahnarzt/Zahnärztin einen ungeheuer breiten Spielraum, um bei entsprechender Mitarbeit des Patienten die Vitalerhaltung der Zahnpulpa zu ermöglichen. Wichtig hierzu sind die besonderen Schmerzempfindungen des Patienten, die Auslösung der Beschwerden und die Angaben, wie eine Verbesserung oder Verschlechterung der Schmerzen erreicht werden kann (Modalitäten). In der Sprache der Homöopathen behandeln wir eine „akute Erkrankung“ mit Hilfe des „vollständigen Lokalsymptoms“, repertorisieren die so gewonnen Symptome und erarbeiten das zutreffende Arzneimittel (AM) durch den Abgleich mit einer Arzneimittellehre (Materia Medica).

Akute Erkrankungen –
5 Fragen zum vollständigen Lokalsymptom:

was?            Empfindung/Dysfunktion
wo?              Körperteil
wodurch?     Auslösung
wie?             Schmerzcharakter
was verbessert/verschlechtert?

Beschreibung und Charakterisierung einer akuten Erkrankung als "vollständiges Lokalsymptom"

Das weit verbreitete Repertorium SYNTHESIS [3] listet im Kapitel „ZÄHNE“ unter der Rubrik „SCHMERZ“ ca. 260 Symptome auf, ohne die dazugehörenden Unterrubriken mitzuzählen. Es ist immer wieder verblüffend, mit welchen unterschiedlichen Umschreibungen die Patienten ihre empfundenen Beschwerden schildern. Nach den Anforderungen von S. HAHNEMANN [4], wie eine Anamnese zu erfolgen hat, sind es gerade die „nämlichen Worte“ des Patienten (Organon, 6,§84) wie er seine Beschwerden beschreibt. Großen Wert legt HAHNEMANN auf das Herausfiltern der  „auffallenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome“, durch welche sich die Krankheit oder das Befinden des Patienten definieren lassen. (§153).

Die Charakterisierung des Schmerzes reicht von berstend, bohrend über nagend, prickelnd, zerberstend bis zuckend, kneifend. Ganz wichtige Bedeutung haben dabei Äußerungen, die ein bestimmtes Gefühl beschreiben („as if“-Symptome): „wie mit einer Nadel fein stechend“, „wie zerspringend“, „als würden die Zähne herausgezogen“, u.v.m. Die klinische Zahnmedizin kann mit diesen Informationen nichts anfangen, erklärt vielleicht den Patienten für überdreht oder hysterisch, geht aber auf keinen Fall auf seine individuellen Schilderungen ein.

Ausgehend von der Causa – jede akute Erkrankung hat ihren zeitlichen Beginn: physikalische, chemische oder thermische Noxen/traumatische Ereignisse/zahnärztliche Behandlung

In der Regel kommen Schmerzattacken plötzlich, häufig in der Nacht, weil da die Schmerztoleranz geringer ist, oder am Wochenende. Bei genauer Befragung lässt sich immer ein Ereignis, eine Causa, feststellen, die den Beginn der Beschwerden darstellt: Unterkühlung oder Überhitzung, Ausgesetztheit einem kalten Wind, Durchnässung bei Regen oder ein traumatisches Ereignis, möglicherweise auch psychische Traumata.

Eine typische Konstellation für pulpitische Beschwerden ist der Aufenthalt im Freien bei kaltem, trockenem, vielleicht rauem Wind. Viele Patienten berichten über Zahnschmerzen nach Gartenarbeit im Herbst oder sportlicher Betätigung im Winter. Wenn sie dann wieder im warmen Zimmer sind beginnen heftigen Schmerzen, oder sie treten plötzlich nachts im Schlaf auf. Die Arzneimittellehre kennt für solche Zustände das Akutmittel Aconitum napellus, mit dem bedeutungsvollen deutschen Namen „Sturmhut“. Unter der Rubrik „Schmerzen an gesunden Zähnen“ ist Aconitum als einziges von 26 Mitteln mit der 3. Wertigkeit  angegeben. Wenn diese Querverbindungen hergestellt werden können, lässt sich schnell eine Pulpitis an klinisch gesunden Zähnen ausregulieren.
([5] siehe „Homöopathischer Praxistipp“ GZM 8. Jg. 3/2003).

Eine andere Ursache für eine partielle Entzündung der Zahnpulpa kann in einer chemischen Reizung, z.B. während oder nach einer adhäsiven Rekonstruktion des Zahnes erfolgen. In einer Studie der Berliner Charité konnte elektronenmikroskopisch nachgewiesen werden, dass durch moderne Ätztechnik bei Composite-Füllungen an kavitätennahen Anteilen der Pulpa eine ödematöse Schwellung und Infiltration stattfindet [6]. Diese Schwellung sei nur vorübergehend, führe aber zu thermischen Sensibilitätsstörungen. Eine ödematöse Schwellung in einer geschlossenen Markhöhle führt zwangsläufig zu Schmerzen, auch wenn sie nur partiell auftritt (kavitätennahe). Dieses erste Stadium im Verlauf einer Gewebeentzündung wird klassisch von dem Arzneimittel Apis meliffica abgedeckt. Alle Erscheinungen, die wir nach dem Stich einer Biene auf unserer Haut erleben können, entsprechen dem klinischen Bild einer ödematösen Schwellung: glasige Schwellung, Rötung, stechende Schmerzen, berührungsempfindlich, Unverträglichkeit von Hitze. Im Zahninneren können wir solche Symptome natürlich nicht sehen, wohl aber empfinden. Und eine elektronenmikroskopische Untersuchung macht es erklärbar. In vielen Fällen habe ich mit diesem homöopathischen Mittel Beschwerden nach adhäsiv gelegten Füllungen beheben können.

Im Repertorium (z. B. SYNTHESIS) werden auch Zahnschmerzen nach zahnärztlicher Behandlung, nach Extraktionen oder Verletzungen durch zahnärztliche Maßnahmen aufgeführt. An forderer Stelle stehen immer Arnika montana und Staphisagria, zwei bewährte Arzneimittel in der Zahneilkunde. Aber auch Hypericum als ausgesprochenes Mittel der peripheren Nervenendigungen, und Hekla lava sind hier zu nennen. Eine ganz häufig genannte Schmerzqualität, egal ob nach Füllungstherapie oder bei unbehandelten, kariösen Zähnen, ist der pulsierende, intervallartige Zahnschmerz. Physio-pathologisch ist hier eine Hyperämie als Ursache des Schmerzes zu sehen – wieder ein frühes Entzündungszeichen und erste Reaktion des Körpers auf eine Noxe. Erhöhte Durchblutung, schlechter durch körperliche Bewegung und Belastung (Treppensteigen, nach vorne Beugen), plötzliche Schmerzattacken und nachfolgende schmerzfrei Intervalle sind alles Zeichen für das Arzneimittel Belladonna atropa. Die Schmerzen strahlen oft in den gesamten Kopf aus, der Carotispuls wird als dröhnend empfunden. Anscheinend sind die Zähne des Unterkiefers hiervon häufiger befallen.

Gerade der Zustand der Hyperämie ist uns Zahnärzten wohl vertraut, wenn wir nach erfolglosen Versuchen einer caris-profunda-Therapie eine Vitalextirpation durchführen müssen. Bei Eröffnung des Zahnes leuchtet uns eine rote, stark blutende Pulpa entgegen. Bei mehrwurzeligen Zähnen finden wir häufig eine Wurzel nekrotisch oder vereitert, während die anderen eine vitale Pulpa aufweisen. Hier ist natürlich eine Regulation und Vitalerhaltung der gesamten Pulpa illusorisch. In diesen fortgeschrittenen Fällen kommen wir um eine Vitalextirpation nicht umhin.

Abb.2: Schneider Böck
Schneider Böck

Physikalische Belastung als Causa – Druck, Bewegung, Liegen auf der kranken Seite

Bei der Vielzahl von Schmerzmodalitäten fallen jene besonders auf, die auf den ersten Blick paradox erscheinen mögen. So gibt es Bedingungen unter denen die Beschwerden besser werden, die allgemein als ungewöhnlich, ja sogar widersinnig anmuten. Druck und Bewegung, oder Liegen auf der Seite mit dem erkrankten Zahn sind Beispiele für solche „paradoxen“ Modalitäten, andere betreffen die Beeinträchtigung durch Wärme und Kälte.

Abb.3: So geht`s nun auch dem Friedrich Kracke; er sitzt ganz krumm und hält die Backe.
Friedrich Kracke

Arzneimittel, die nach festem Druck, Fixierung oder straffes Einbinden verlangen sind nach dem Repertorium Bryonia, Colocyntis, Ignatia, Kalium-muriaticum und Kalium-phosphoricum, Phosphor selber, Pulsatilla, Rhus-toxicodendron, Sepia, Spigelia und Staphisagria. Allen diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sich der Patient besser fühlt, wenn er die schmerzende Gesichtsseite hält, mit der Hand oder dem Unterarm Druck ausübt oder die Seite mit einem Schal fest einbindet. Für Bryonia gilt im Besonderen, dass erhöhter, fortgesetzter Druck oder Aufbeißen eine Linderung bewirkt.

Diese, auf den ersten Blick doch zahlreichen Mittel, lassen sich weiter differenzieren durch ihr Verhalten bei Bewegung (Pulsatilla, Rhus-t., Phosphor,…) und in Ruhe (Bryinia, Colocyntis, Ignatia,…) oder in Bezug auf ihre Wärme-Modalitäten. Einen ganz gezielten Druck, nämlich das Verlangen die Zähne zusammen zu beißen, kennzeichnen die beiden Mittel Phytolacca und Podophyllum. Beide haben große Bedeutung bei Kindern mit Zahnungsschmerzen.

Abb.4: "Vielleicht" - so denkt er "wird das Schwitzen möglicherweise etwas nützen."
Abb.4: "Vielleicht" - so denkt er "wird das Schwitzen möglicherweise etwas nützen."

Modalitäten:  Bewegung oder Ruhe führen zur Schmerzlinderung

Ein anderes Kriterium ist das Verlangen nach Bewegung, der Wunsch aus dem Bett auf zu stehen, oder das Bedürfnis, im Zimmer hin und her zu laufen. Arzneimittel, die die Bewegung lieben sind Clematis, Ignatia, Magnesium-carbonicum, Mercurius mit seiner bekannten Bettflucht, Phosphor, Pulsatilla und Rhus-toxicodendron. Hier sehen wir schon wieder eine Differenzierungsmöglichkeit zwischen Mitteln, die Druck und Bewegung bevorzugen gegenüber solchen, die Bewegung ohne Berührung brauchen. Ausgesprochenes Bedürfnis nach Ruhe haben die Mittel Bryonia, Nux-vomica und Spigelia.

 

Abb.5: Er taucht den Kopf mitsamt dem Übel in einen kalten Wasserkübel.
Er taucht den Kopf mitsamt dem Übel in einen kalten Wasserkübel.

Modalitäten: Besserung durch Wärme oder Kälte – paradoxe Symptome!

Manchmal verwirren die Angaben der Patienten bei dem Temperaturverhalten ihrer Zahnschmerzen. Üblicherweise werden „Zahnschmerzen“ im landläufigen Sinne ausgelöst durch Kälte und/oder durch Wärme. Berichtet der Patient aber über Linderung bei kaltem Wasser oder frischer, kalter Luft und Schmerzverschlimmerung durch Wärme (Bettwärme, Zimmerwärme oder warme Getränke), so muss man hier an Belladonna, Bryonia und Pulsatilla denken. Ich habe eine Reihe von Notfallpatienten erlebt, die mit einer kleinen Wasserflasche an die Wange gedrückt unsere Sprechstunde aufsuchten. Bei dem Arzneimittel Ferrum metallicum wird sogar das Anwenden von eiskaltem (!) Wasser als Besserungs-Modalität angegeben.

Bei Belladonna haben wir gesehen, dass Reduzierung der Durchblutung im erkrankten Bereich (also Ruhe) Besserung bewirkt. Ruhe ist auch für Bryonia eine Besserung, bei Pulsatilla ist es immer Bewegung im Freien. Bei Bryonia und Pulsatilla lindern kalte Anwendungen. Zur Differenzierung wird der Druckschmerz herangezogen: leichter Druck lindert bei Pulsatilla, verschlechtert bei Bryonia. Anhaltender, starker Druck dagegen führt bei Bryonia zu einer Verbesserung der Symptome [7]. Bei diesen Arzneimitteln erleben wir also eine Besserung der Beschwerden bei einem Wechsel von

WARM    –›  KALT.

Der gegensätzliche Fall kann natürlich auch eintreten. Patienten, die warm eingehüllt, mit Schal um den Kopf, in unserer Praxis erscheinen oder von Linderung durch warme Getränke und Speisen berichten, benötigen vielleicht Arsenicum, Lycopodium, Nux-vomica und Nux-muscata, Rhododendron, Rhus-toxicodendron oder Silicea. Diese Mittel zeichnen sich alle durch eine sehr geringe Lebensenergie aus. Sie sind alle verfroren und bedürfen der Energiezufuhr von Außen. Für alle diese Mittel gilt daher eine Verbesserung der Schmerzen bei Wechsel von

KALT   –›  WARM.

Abb.6: Jedoch das Übel will nicht weichen, auf andre Art will er`s erreichen.
Jedoch das Übel will nicht weichen, auf andre Art will er`s erreichen.

Eine Zwischenstellung bei diesem Temperaturverhalten kann für Mercurius angenommen werden. Es ist bekannt, dass dieses syphilinische Hauptmittel eine sehr geringe Wärmetoleranz besitzt. Alles muss lauwarm angeboten werden, damit es im Krankheitsfall keine Verschlechterung hervorruft. Ein Patient hat einmal mir gegenüber spontan geäußert, dass er seit dieser Zahn so schmerzhaft sei, alles nur noch lauwarm genießen könne, Getränk und Suppe gleichermaßen. Das war für mich ein mittelweisender Fingerzeig.

Wenn hier von Modalitäten gesprochen wird, dann möchte ich nicht versäumen, auf den zeitlichen Verlauf der Schmerzgipfel im 24-Stunden-Rhythmus hin zu weisen. Für die meisten Akutmittel ist ein Tages- oder Nachtmaximum bekannt [8]. Auch diese Angaben sind von den Patienten zu erfragen und hilfreich bei der Mittelauswahl.

Beeinträchtigung des emotionalen Befindens durch starke Schmerzen

Ein zusätzliches Kriterium, um das individuelle Schmerzverhalten zu differenzieren, ist die Bewertung der Geist- und Gemütsymptome. Für Homöopathen eine geübte Betrachtung, ist diese Erweiterung des Schmerzgeschehens in der klinischen Zahnmedizin doch völlig unbekannt. Ein modernes Stichwort wäre hier eventuell durch die „Schmerztherapie“ gegeben.

Fortgesetze und heftige Schmerzattacken haben natürlich auch eine Veränderung der Psyche als Folge. „Wahnsinnig machende Schmerzen“, „rasend vor Schmerz“ oder „der Schmerz hat seine Sinne vernebelt (betäubt)“ sind berede Zeichen dieser psycho-somatischen Verbindung aus dem umgangssprachlichen Vokabular.

Im Repertorium finden wir Zahnschmerzen nach Zorn oder nach Ärger und Verdruss. Hierbei sind Arzneimittel wie Aconitum, Chamomilla, Nux-vomica, Rhus-tox und Staphisagria aufgelistet. Auch im Kapitel „Gemüt“, Rubrik „Außer sich durch Zahnschmerzen“ finden wir alte Bekannte: Aconitum, Arsenicum album, Belladonna, Chamomilla, Clematis, Coffea, Hyoscyamus, Ignatia, Mercurius, Nux-vomica, Sepia und Sulphur. Je länger man sich mit den Rubriken und Symptomen zu einem bestimmten Thema beschäftigt, umso häufiger tauchen immer wieder die gleichen Arzneimittel auf. 

Gewalttätigkeit, Wutausbrüche und Jähzorn sind heftige Gefühlsausbrüche, die typisch für die Solanaceaen sind. Hierunter zählen die drei Arzneimittel Belladonna, Stramonium und Hyoscyamus. Dieses Trio ist auch bekannt unter dem Namen „Hexenkräuter“ [9]. Sie beinhalten alle die Aggression gegen Gegenstände und teilweise auch gegen sich selber.

Richtet sich der emotionale Aufruhr gegen die betreuenden Personen, etwa gegen die Mutter, die das Kind zum Arztbesuch begleitet, dann haben wir hier ein Chamomilla-Kind vor uns. Ich habe schon gewaltige Attacken gegen die Schienenbeine oder Schultern der Mütter erlebt, wenn eigentlich ich, als Behandler, der Grund für eine Gefühlsäußerung gewesen bin. Unter der Gabe von Chamomilla lassen sich die zornigen „Teufel“ schnell beruhigen.

Abb.7: Umsonst! - Er schlägt, vom Schmerz bedrängt, die Frau, die einzuheizen denkt.
Umsonst! - Er schlägt, vom Schmerz bedrängt, die Frau, die einzuheizen denkt.

Ungehalten im Schmerz reagiert auch das so sehr gereizte Mittel Nux-vomica. Diese Arznei-Typen stehen immer unter Stress, sind durch jede Kleinigkeit gleich aufgebracht und sind als sehr ungeduldige Patienten verschrien. Mit dieser sehr kurzen Beleuchtung der Gemütssymptome unter Schmerzzuständen soll diese Ausführungen abgeschlossen werden. Das Thema ist damit aber nicht erschöpfend abgehandelt

 

Zusammenfassung:

Auf den ersten Blick mag die aufgeführte Vielzahl an Arzneimitteln verwirren, aber sie steht in sehr gutem Verhältnis zu der ungleich höheren Zahl von Schmerzqualitäten. Ich bin immer wieder überrascht, wie vielschichtig meine Patienten ihre Beschwerden schildern und dabei immer wieder auf exakt die gleiche Wortwahl kommen, wie ich sie im Repertorium nachlesen kann. Der Schmerz wird individuell wahrgenommen und somit sollte auch unsere therapeutische Antwort diese Individualität berücksichtigen.

Dieser Beitrag soll Mut machen, der gängigen Meinung, Pulpitiden könnten nur durch Vitalextirpation beherrscht werden, mit anderen Begleittherapien zu begegnen. Die Schmerztherapie in der Zahnmedizin kann durch eine homöopathische Begleitung deutlich erweitert werden. Hierzu benötigen wir allerdings die Mitarbeit und etwas Geduld unserer Patienten. Mit sorgfältiger Anamnese und Diagnostik wird der histologische Zustand der Pulpa erkannt und die Wahl des richtigen Arzneimittels gesichert. Die Möglichkeiten zur Vitalerhaltung der Pulpa werden in der bisherigen Praxis unterschätzt und leichtfertig geopfert. Der Einsatz von Homöopathika unterstützt die Regenerationskraft  und kann einen Beitrag zur Verringerung der endodontischen Behandlungen leisten. 

Abb.8: Und Friedrich Kracke setzt sich wieder vergnügt zum Abendessen nieder.
Und Friedrich Kracke setzt sich wieder vergnügt zum Abendessen nieder.

Vita Wilhelm Busch

Wilhelm Busch, 1832–1908, lebte und wirkte in seiner Heimat im niedersächsischen Wiedensahl bei Stadthagen als Zeichner und Erzähler von satirischen Begebenheiten, hauptsächlich aus dem Alltag seiner Lebensgenossen. Er hat wie kein Anderer dem Volk „auf`s Maul geschaut“ und gilt mit seinen unzähligen Bildergeschichten als der Begründer des Comics. Viele seiner anekdotenhaften Erzählungen weisen autobiografische Züge auf. Auch die diversen Orte seiner Handlungen lassen sich in der Umgebung von Wiedensahl wieder finden. Die hier verwendeten Figuren, Schneider Böck aus „Max und Moriz“ sowie der Bauer Kracke, sind Zeugen einer ungeheuer detailreichen Beobachtungsgabe und dienen in wunderbarer Weise dem Illustrieren von Vielfalt und Individualität des Schmerzes.

Homöopathie aus zahnärztlicher Sicht – Begleitbehandlung bei der Pulpitis

Traumatologie: Arnika, Hypericum

Physikalische Belastung der Pulpa: Bryonia, Chamomilla, Spigelia

Thermische Belastung der Pulpa: Aconitum, Apis

Caries profunda und direkte Überkappung: Arn. Cham. Hyper. Merc. Mer-i-f. Na-sil. Nux-v. Sep. Staph.

Hyperämie und reaktive Hyperämie: Phosphorus, Belladonna, Pulsatilla

Pulpitische Schmerzen mit paradoxen Symptomen: ambr, bry, cham, clem, coffea, ferr

– besser durch kalte Anwendungen: ambr, bry, cham, clem, coffea, ferr, ferr-p, mag-c, nat-s, puls

– besser durch warme Anwendungen: ars, lyc, mag-p, merc, nux-v, nux-m, rhod, rhus-tox, sil

– Besserung durch Druck: bry, ign, kali-m, kali-c, mag-m, mag-p, phos, puls, sep, spig, staph

– Besserung durch Bewegung: bell, clem, ign, mag-c, merc, phos, puls, rhus-tox 

Literatur:

[1] Statistisches Jahrbuch der KZBV, 2000.

[2] Heine, Hartmut
Lehrbuch der biologischen Medizin. Grundregulation und Extrazelluläre Matrix. Hippokrates-Verlag 2006.

[3] SYNTHESIS/ Radar-Programm 9.1.

[4] Hahnemann, Samuel
Organon der Heilkunst. 6. Auflage, Leipzig 1921.

[5] Schule, Roland:
Homöopathischer Praxistipp. GZM 8. Jg. 3/2003.

[6] persönliche Mitteilung von Kollegen: Seminar über ästhetische Zahnheilkunde, Timmendorf 2001.

[7] Meuris, Jean
Homöopathie in der zahnärztlichen Praxis. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1993.

[8] Bleul, Gerhard (Hrsg.)
Weiterbildung Homöopathie. Band C, Sonntag-Verlag, Stuttgart 2002.

[9] Hadulla, M.M./Richter, O.
Unsere Homöopathische Apotheke. Stauffen-Pharma, Göppingen 2002.

Autor:

Dr. med. dent. Roland Schule

Ganzhornstr. 98
74172 Neckarsulm

http://www.homoeopathie-und-zahnmedizin.de